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23. November 2021 | Media & Research Development

Kuratierte Nachrichten - News zielgruppengerecht aufbereiten

Foto: Adobe Stock by Sammby

Text: Alexander Büsing
Foto: AdobeStock

Nachrichten sind mittlerweile über unendlich viele Kanäle abrufbar - überwiegend von Algorithmen auf Feeds personalisiert zusammengestellt. Um aus dieser Menge Fehlinformationen herauszufiltern und zielgruppengerechte Informationen zu verarbeiten, brauchte es Kuration. Wir stellen im Blog zwei Beispiel-Prototypen vor, die mit dem Prinzip kuratierter Nachrichten arbeiten, um individuelle Zielgruppen gezielt und mit hochwertigen, relevanten und geprüften Inhalten zu versorgen.

Jeden Tag füllen sich die Online-Portale großer Nachrichtenseiten mit Millionen neuer Beiträge und mindestens ebenso viele Posts landen in unseren Social Feeds. Gerade in den letzten Jahren hat sich gezeigt, dass der Anteil an Fehlinformationen darunter nicht nur bedenklich hoch ist, sondern ungefiltert gestreute und vor allem nicht-kuratierte News auch wirklichen Schaden anrichten können.

Doch das ist nicht das einzige Problem: Misstrauen in die Medien hat viele Ursachen - unter anderem aktive Versuche, mediale Berichterstattung zu diskreditieren. Eine andere Ursache findet sich auch in der Wahrnehmung von Zielgruppen, die sich von den großen Media Outlets entweder nicht berücksichtigt, ernst genommen oder einfach nicht angesprochen fühlen. Vor allem Letzteres kann auch dann vorkommen, wenn der persönliche, geografische oder kulturelle Bezug fehlt.

»Esra Ayari und Florian Kraus beschäftigen sich in ihren R&D Fellowship Projekten mit Möglichkeiten, die Needs spezifischer Zielgruppen mit kuratierten Nachrichten zu versorgen.«

Kuration - Was das im Kontext von News bedeutet

Egal ob Verfasser:innen von Nachrichten eine persönliche oder berufliche Agenda haben, oder ob der Algorithmus, der Informationen sammelt und zusammenstellt, auf ein bestimmtes Ziel hin programmiert wurde. Beides sollte hinterfragt werden. Das heißt, die Information, die Nachricht, muss geprüft werden. Durch Kuration werden zum Beispiel Fake News und Fehlinformationen ausgefiltert und die Nachricht wird so überprüft neu aufgearbeitet. Und zwar unmittelbar mit Hinblick auf die Zielgruppe.

  1. Schritt: Aus welcher Quelle stammt die Nachricht? Hat diese Quelle eine bestimmte, kulturelle oder politische Funktion? In welchem gesellschaftlichen Kontext muss die Nachricht verstanden werden?
  2. Schritt: Ist die Information für meine Zielgruppe relevant? Betrifft die Nachricht sie persönlich? Trägt die Nachricht dazu bei, sie zu informieren und bietet der Zielgruppe einen Mehrwert

Um diese Fragen beantworten zu können, braucht es eine Zwischeninstanz. Jemanden, der die Information prüft, freigibt und wenn nötig mit Zusatzinformationen kommentiert, um seine Zielgruppe mit Sorgfalt zu informieren. Vor allem in Fragen der kulturellen, politischen und sozialen Relevanz ist hierfür oft eine Redaktion nötig, die entsprechend professionell geschult und kulturell gebildet ist. Eine Alternative bieten Algorithmen, die targeted news aufbereiten.

Diese Form von Automatisierung ist vor allem dann nützlich, wenn die Informationen auf ihre geographische oder lokale Relevanz geprüft werden müssen. Natürlich kommen Algorithmen aber längst in der automatisierten Zusammenstellung von Nachrichten anhand von zuvor gesammelten, persönlichen Daten zum Einsatz.

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Esra Ayari kennt durch ihre Arbeit als Journalistin und Redakteurin die Praxis der Zusammenstellung und Aufbereitung von Nachrichten aus großen Medienhäusern. Um ein breites Spektrum an Nachrichten für eine möglichst große Nutzerschaft abzudecken, gehen Themen für spezifische Zielgruppen hier oft unter. Sie stellte in ihrem User Research während des R&D Fellowship im Media Lab fest, dass es eine Zielgruppe gibt, die das betrifft: junge Migrant:innen in Deutschland. Weil sie die präsentierten Inhalte in Mainstream-Medien nicht als authentisch oder vertrauenswürdig einstufen - oder weil schlichtweg nicht die Inhalte behandelt werden, die die Zielgruppe betreffen und interessieren

Esra Ayari

Esra Ayari hat bei der dpa volontiert, beim WDR im Innovation Hub hospitiert und arbeitet jetzt als Social Editor beim Tagesspiegel. Davor war sie vor allem als freie Autorin, unter anderem für die ZEIT tätig.

Das Bedürfnis ihrer Zielgruppe definiert Esra anhand ihrer Gespräche klar: Authentische, vertrauenswürdige, klare, sachliche, nüchterne und tagesaktuelle Inhalte ohne Cringe sollten es sein. Mit Themen, die sonst nicht behandelt werden. Da die Plattform Instagram die meiste Verwendung im Alltag der Zielgruppe findet, müssen Nachrichten außerdem personalisiert, schnell und easy sein. Aus diesem Anspruch erklärt sich auch bereits, warum eine Kuration der Nachrichteninhalte unbedingt notwendig ist.

Zentraler Ansatz: authentische Hosts, sachkundige Redaktion

Ob Nachrichten als authentisch oder vertrauenswürdig empfunden werden, hängt in erster Linie davon ab, wer diese transportiert. Für junge Migrant:innen gibt es in großen Medienhäusern kaum authentische Repräsentation. Die Nachrichten werden weder von Personen wiedergegeben, mit denen sie einen Bezug aufbauen können, noch in einer Sprache, die sie einschließt. Dieses Problem möchte Esra angehen, indem sie Hosts als Vermittler:innen einsetzt, die in einer für ihre Zielgruppe relevanten und vertrauten Art und Weise kommunizieren. Hosts, die selbst eine Migrationsgeschichte haben und auf Social Media gut aufgestellt sind, um Nachrichteninhalte passend zu transportieren.

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Diese Hosts versorgt Esra mithilfe einer geschulten, aus der Zielgruppe zusammen­gestellten Redaktion mit kuratierten und geprüften Nachrichten, die diese dann auf einer zentralen Instagram-Plattform präsentieren und in ihren eigenen Netzwerken streuen.

Durch die Kombination aus einer kulturell kompetenten Redaktion und authentischen, vertrauenswürdigen Hosts kann Esra so Nachrichten auswählen und aufbereiten, die auf das Bedürfnis ihrer Zielgruppe zugeschnitten sind. Durch die Kuration ist es überhaupt möglich, diese Filterung durchzuführen und gleichzeitig die Informationen zu überprüfen und entsprechend zu präsentieren.

Lokalradar - Spezifische Nachrichten für mein Viertel

Florian Kraus ist freier Autor und Chefredakteur bei Mucbook. In seinem R&D-Fellowship-Projekt kombiniert er seine Erfahrungen aus der Redaktion lokaler Nachrichten mit einem innovativen Konzept, um einen hyperlokalen Fokus in der Informationsvermittlung zu erreichen.

Hyperlokalität

Ein hyperlokaler Fokus gliedert zum Beispiel Stadtnachrichten noch einmal in Informationen für spezifische Stadtviertel. Aus technischer Sicht umfasst Hyperlokalität auch die Verknüpfung von Apps und mobilen Devices über Standort- und Bilderkennung mit der realen Umgebung von Nutzer:innen.

Florians Konzept basiert auf den Ergebnissen seiner User Research mit Nutzer:innen aus München. Gerade in Bezug auf lokale Nachrichten gibt es einige Hürden, die er aus den Gesprächen definieren kann: der Lokalbereich auf Online-Portalen größerer Outlets ist oft nicht gut oder intuitiv in die Navigation der Webseiten eingebunden und meist auch nicht sehr ansprechend gestaltet. Außerdem verstecken sich viele Inhalte hinter einer Paywall. Dazu kommt, dass die Bedürfnisse in Bezug auf die Inhalte lokaler Nachrichten sehr unterschiedlich ausfallen. Florians Zielgruppe interessiert sich für:

  • knappe und übersichtliche Informationen am Morgen
  • gut recherchierte und in die Tiefe gehende Features und Artikel zu lokalen und geografisch relevanten Themen
  • spezifisches Wissen zu ihrem Stadtviertel und Themen wie Mobilität im Alltag

Zentrale Frage: App oder Newsletter

Um diese Bedürfnisse abzudecken, wägt Florian zwei zentrale Optionen ab: ein Newsletter, der regelmäßig über lokale Ereignisse informiert, relevante Artikel beinhaltet und spezifisches Wissen mit hyperlokalem Fokus vermittelt. Oder eine App, die diese Informationen mit einem Map Tool verbindet, also einer digitalen Karte mit Standortermittlung. So überlässt er der Zielgruppe die Entscheidung, wann und wie sie diese Informationen abrufen. In seinen Umfragen wurde deutlich, dass viele seiner Nutzer:innen eine App bevorzugen würden, ganz ausgeschlossen ist die Newsletter-Lösung allerdings noch nicht. Dennoch hat er schon einmal einen Prototyp für die App-Lösung angelegt.


Sein Prototyp verbindet eine, durch eine Redaktion kuratierte und lokal relevant ausgewählte, Nachrichtenübersicht mit dem Kartentool, auf dem sie mit Pins verortet werden. Seine Nutzer:innen können so zwischen Übersicht und Karte wechseln und entscheiden, ob sie eine spezifische Information zu einer Landmark in ihrer Umgebung interessiert, oder eine ausführliche Nachricht zu einem Event in ihrem Viertel oder ihrer aktuellen Umgebung. Auch hier ist die Kuration der Schlüssel zur erfolgreichen Aufbereitung der zielgruppengerechten Nachrichten, um die Bedürfnisse der Zielgruppe abzudecken und gleichzeitig in der Form, Länge und Informationsdichte darzustellen, die für das individuelle Nutzerverhalten optimal ist.

Darum bleiben kuratierte Nachrichten für die Zukunft relevant

Die Automatisierung von Informationen - und wie diese an Nutzer:innen gelangen - ist bereits Standard, bietet aber einige Fallstricke. Auch in Zukunft wird eine sorgfältige Kuration, die nach Relevanz, Wahrheitsgehalt, Authentizität und Informationswert prüft und sortiert nötig sein, um Nachrichten zielgruppengerecht aufzubereiten. So ist es möglich, Nutzer:innen mit genau den Inhalten zu versorgen, die sie interessieren und persönlich betreffen. Und das auf eine Weise, die ihrem Nutzungsverhalten im Alltag entgegen kommt, sie vor Fehlinformationen schützt und ihnen die Möglichkeit lässt, ihre Inhalte nach personalisierter Auswahl abzurufen.

R&D Fellowship

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