Zum Inhalt springen

Abschlussarbeiten im Media Lab | 07.08.2026

Wenn Lokaljournalismus uns Räume erleben lässt

Lokaljournalismus lebt von Nähe – doch wie entsteht die in einer digitalisierten Öffentlichkeit? Ein Kunst- und Kulturprojekt auf dem Wiener Westbahnareal zeigt, wie Fotowalks und Community-Beteiligung neue Perspektiven für den Lokaljournalismus eröffnen.

Lokaljournalismus braucht neue Formen der Nähe

Lokaljournalismus steht vor großen Herausforderungen. Sinkende Auflagen, wirtschaftlicher Druck und schwindende redaktionelle Ressourcen bedeuten, dass immer weniger Menschen über ihre unmittelbare Umgebung journalistisch informiert werden. Gleichzeitig konkurrieren lokale Medien mit sozialen Netzwerken und algorithmisch kuratierten Plattformen um Aufmerksamkeit.

Dabei wächst das Bedürfnis nach Orientierung im eigenen Lebensumfeld eher, als dass es verschwindet. Menschen möchten verstehen, wie sich ihre Nachbarschaft verändert, welche Themen ihre Stadt bewegen und wie sie selbst daran teilhaben können. Die Frage lautet deshalb nicht nur, welche Geschichten Lokaljournalismus erzählt, sondern auch, wie und wo er Öffentlichkeit schafft.

Der Journalist Alexander von Streit beschreibt Lokaljournalismus deshalb zunehmend als Community-Aufgabe mit „Dritten Orten“. Das sind offene, niedrigschwellige Treffpunkte für Austausch und Gemeinschaft wie Cafés, Bibliotheken oder Parks, die einen sozialen Ausgleich zu den eigenen vier Wänden (erster Ort) und dem Arbeitsplatz (zweiter Ort) herstellen. Mit Bezug auf den Journalismus bedeutet das: Redaktionen berichten nicht mehr ausschließlich über eine lokale Gemeinschaft – sondern werden selbst Teil davon. Dies geschieht durch Live-Formate oder Redaktionen als Räume, in denen Menschen miteinander ins Gespräch kommen, Erfahrungen austauschen und ihre Perspektiven einbringen.

Genau dieser Gedanke bildete den Ausgangspunkt meiner Masterarbeit.

Orte erzählen aus Sicht der Community

Einen zentralen Teil meiner Forschung bildete das Medien- und Kulturprojekt westwaerts, das ich als Co-Kuratorin gemeinsam mit Marlene Johanne Fertner ins Leben rief. Das Projekt regte zur medien-künstlerischen Auseinandersetzung mit dem Wiener Westbahnareal an. Die asphaltierte Fläche ist eine ehemalige Bahninfrastruktur, die sich gerade in einem Stadtentwicklungsprozess befindet. Visualisierungen zeigen zukünftige Gebäude, Beteiligungsverfahren sammeln Meinungen und Medien berichten über Baufortschritte.

Mich interessierte jedoch eine andere Perspektive: Wie erleben die Menschen diesen Ort bereits heute? Welche Erinnerungen, Atmosphären oder Zukunftsvorstellungen verbinden sie mit ihm? Wie übersetzen sie diese visuell? Und welche Rolle können Medien dabei spielen, diese Erfahrungen sichtbar zu machen? Statt ausschließlich über das Areal zu berichten, luden wir Menschen dazu ein, den Ort gemeinsam zu erkunden und ihre Perspektiven medial festzuhalten.

Fotowalks als journalistische Methode

Zentrale Methode des Projekts waren sogenannte Fotowalks. Gemeinsam erkundeten die Teilnehmenden das Westbahnareal mit Smartphone oder Kamera. Wir begannen die Veranstaltungen mit einer Einführung mit Impulsen für ihre Fotos: Die Teilnehmer:innen sollten sich auf Bildelemente, wie Bewegung, Stillstand, Lichtstimmungen oder visuelle Strukturen im Raum konzentrieren. 

Was zunächst wie ein gemeinsamer Spaziergang wirkte, veränderte die Blicke der Teilnehmer:innen auf den Ort. Statt nur darüber zu lesen, erlebten sie ihn. Denn wer langsam geht, nimmt Details wahr, die im Alltag oft übersehen werden – die Teilnehmer.innen tauchten in ein multisensorisches Erleben ein: Gespräche, Fotos, Geräusche, Bewegung.Durch die Fotografie nahmen die Teilnehmer:innen das Areal bewusster und entwickelten subjektive Blickwinkel darauf. Diese wurden durch den Austausch im Gehen mit den anderen Teilnehmer*innen geteilt und diskutiert. 

Sechs Menschen stehen neben Gleisen. Im Hintergrund ist ein Zug auf einem entfernten Gleis und eine große Industriehalle.
Teilnehmer:innen des ersten Fotowalks auf dem Westbahnareal tauschen sich aus. (© Rebecca Hellmeier)

So entstanden keine objektiven Abbilder des Stadtraums, sondern unterschiedliche Lesarten desselben Ortes. Für die einen war das ehemalige Bahngelände ein Stück Industriekultur, für andere ein Rückzugsort, eine Brache voller Möglichkeiten oder ein Symbol städtischer Veränderung.

Gerade darin liegt ein spannender Impuls für den Lokaljournalismus. Recherche muss nicht ausschließlich aus Interviews oder Pressekonferenzen bestehen. Gemeinsame Ortsbegehungen können neue Perspektiven sichtbar machen und Erfahrungswissen erschließen, was in klassischen Rechercheformaten häufig unsichtbar bleibt. Nähe entsteht hier durch Gemeinschaft und durch ein Live-Format mit konkreter Rückbindung an den Ort.

Multimodalität: Geschichten über Medienformen hinweg erzählen

Besonders spannend wurde das Projekt durch das Zusammenspiel verschiedener Medien. Die Fotowalks bildeten den Ausgangspunkt. Bereits hier spielen Sehen, Gehen und Fotografieren ineinander. Die entstandenen Fotografien wurden anschließend auf Instagram geteilt, diskutiert und weiterentwickelt. Später fanden sie ihren Weg in eine Ausstellung direkt am Westbahnareal, wo sie erneut durch Besucher.innen in unterschiedlichen medialen Formen, wie Fotografie, Sound, Video oder Installation betrachtet und eingeordnet wurden.

Jedes Medium erfüllte dabei eine andere Funktion. Der Spaziergang wurde zum Rechercheformat. Die Fotografie machte individuelle Wahrnehmungen sichtbar. Instagram ermöglichte Austausch und Reichweite. Die Ausstellung schuf einen physischen Begegnungsraum.

Eine Person kniet vor einem Kunstwerk aus Schrott und Grünzeug. Im Hintergrund steht ein Schlagzeug.
Eine Ausstellung-Besucherin betrachtet ein Kunstwerk aus gesammeltem Müll und Pflanzen aus dem Westbahnareal von Pat Göckert. (© Rhea Rauchensteiner)

Das Stichwort hier ist Multimodalität, also die Nutzung verschiedener menschlicher Sinneskanäle zur Informationsübermittlung, von textlichen, auditiven, sprachlichen, räumlichen und visuellen Modi. Unterschiedliche Medien ergänzen sich und schaffen gemeinsam eine Form von Öffentlichkeit, die kein einzelnes Medium allein erzeugen könnte. Sie führen zu einem gestreuten emotionalen Storytelling, welches unterschiedlichste Blickwinkel ermöglicht.

Gerade für den Lokaljournalismus eröffnet das neue Möglichkeiten. Geschichten müssen nicht ausschließlich als Artikel erscheinen. Sie können sich über Veranstaltungen, Social Media, Fotografie oder Ausstellungen entfalten und Menschen auf unterschiedlichen Ebenen erreichen. Die Geschichten werden so emotionaler.

Community beginnt nicht im Kommentarbereich

Wenn Redaktionen heute von Community sprechen, denken viele zunächst an Kommentare, Likes oder User Generated Content. Beteiligung beginnt dann erst nach der Veröffentlichung eines Beitrags. Meine Forschung legt eine andere Perspektive nahe.

Die Teilnehmenden der Fotowalks waren nicht bloß Publikum. Sie wurden selbst zu Beobachtern ihres Stadtraums. Durch ihre Bilder, Gespräche und Erfahrungen entstand Wissen über den Ort, das journalistische Recherchen ergänzen kann.

Das bedeutet nicht, journalistische Standards aufzugeben oder professionelle Einordnung zu ersetzen. Im Gegenteil: Gerade die journalistische Einordnung gewinnt an Qualität, wenn unterschiedliche Perspektiven bereits in die Recherche einfließen. Community kann selbst Teil journalistischer Arbeit werden. Journalist:innen können hier die Rolle einer Kurator:in einnehmen, Perspektiven sammeln, ordnen und kontextualisieren.

Was Lokaljournalismus daraus lernen kann

Natürlich wird nicht jede Lokalredaktion künftig Fotowalks veranstalten oder Ausstellungen organisieren. Doch das Projekt zeigt exemplarisch, welches Potenzial ortsbezogene und multimodale Formate besitzen.

Erstens entsteht Nähe nicht ausschließlich durch geografische Zuständigkeit. Sie entsteht dort, wo Menschen Orte gemeinsam erleben und darüber ins Gespräch kommen.

Zweitens eröffnet Multimodalität neue journalistische Erzählformen. Unterschiedliche Medien übernehmen unterschiedliche Aufgaben und ergänzen sich zu einer gemeinsamen Geschichte.

Und drittens beginnt Community nicht erst nach der Veröffentlichung eines Beitrags. Sie kann bereits Teil der Themenfindung, der Recherche und der öffentlichen Auseinandersetzung sein.

Außerdem kann insbesondere ein partizpativer Fotojournalismus über Fotowalks zentrale visuelle Perspektiven abseits des textlichen ermöglichen und kann, da er auch nonverbal funktioniert, auch Sprachbarrieren überwinden. Gerade in Zeiten fragmentierter Öffentlichkeiten könnte darin eine wichtige Chance für den Lokaljournalismus liegen. Denn vielleicht besteht seine Aufgabe künftig nicht nur darin, Geschichten über Orte zu erzählen. Sondern Räume zu schaffen, in denen diese Geschichten gemeinsam entstehen können.

Isabell hat nun das Förderprogramm für Abschlussarbeiten durchlaufen. Du hast auch ein spannendes Thema? Melde dich bei uns!

Newsletter

Alles, was ihr zu Startups und Medieninnovation wissen müsst, gibts regelmäßig in unserem Newsletter!

Abonnieren