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24. März 2022
Media Trends, Start up Knowledge

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Klimajournalismus muss kein Katastrophenjournalismus sein

Foto: Andrew Parfenov/ Adobe Stock

Text: Sabrina Harper

Alle sprechen von Klimajournalismus, aber was bedeutet das genau? Das italienische Radar Magazine hat für sich klare Richtlinien und Orientierungspunkte gesetzt. Ein wichtiger Faktor ist, nicht nur über Katastrophen zu berichten, sondern auch Lösungsansätze aufzuzeigen und den Transfer in den Alltag der Leserschaft zu leisten.

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Klima und Umwelt sind Themen, welche in großen Medien immer bedeutender werden. Der Journalist Wolfgang Blau beschreibt es so treffend: „Wenn du noch keinen Klimajournalismus machst, dann wirst du ihn zukünftig machen“. Unter anderem stützt sich seine Voraussage darauf, dass junge Menschen mit größeren Herausforderungen durch den Klimawandel konfrontiert sind und sein werden. Damit steigt das Interesse an solchen Themen. Das klingt plausibel, denn schon jetzt zeigen Klimakatastrophen, wie beispielsweise das Hochwasser im Ahrtal, welche Rolle Informationen und Berichterstattungen spielen werden: Angefangen bei einem neuen Verständnis für Service-Themen, in diesem Beispiel zu Wetter und Niederschlagsmengen, bis hin zu einer verantwortlichen und ethisch vertretbaren Berichterstattung während und nach dem Ereignis.

Hintergrundberichte sind gefragt

Doch Klima wird nicht nur bei tagesaktuellen Medien eine größere Rolle spielen, auch das tiefere Verständnis für das sich verändernde Klima beschäftigt immer mehr Menschen. Hintergrundberichte, Reportagen und der Transfer von wissenschaftliche Publikationen hin zu einem leicht verständlichen Text werden Aufgaben des Journalismus sein. Ein Beispiel für ganzheitlichen Klimajournalismus ist die Onlineplattform Radar. Das Startup sitzt zwar in Italien, arbeitet allerdings mit Journalisten auf der ganzen Welt zusammen. Marta Frigerio kümmert sich bei Radar um die Leserschaft und erklärt: „Wir möchten zeigen, dass klimatische Veränderungen auf der Welt zusammenhängen und gleichzeitig, dass es spannende Lösungsansätze im Umgang mit der Klimakrise gibt“. Dabei setzt Radar beispielsweise auf Reportagen, die zeigen, welche Strategien in anderen Ländern verfolgt werden und welche Lösungen funktionieren können. Zum Beispiel berichtet die Seite über das Sterben der Olivenbäume in Apulien. “Wir versuchen, zuerst die vorhandene Forschungs- und Datengrundlage auszuwerten. Ein Reporter oder eine Reporterin von uns ist dann vor Ort, führt Gespräche, macht die Bilder und schreibt den Artikel. Wenn wir dann alles zusammengeführt haben, geht der Artikel online”, sagt Marta.

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Ein aktuelles Beispiel, um den Mangel an Hintergrundberichterstattungen aufzuzeigen, ist die kürzliche Berichterstattung zum sogenannten Blutregen. Die Leserschaft erfuhr, dass es zu Niederschlägen und einem orangegetrübten Himmel kommt, da Winde Sahara-Staub bis nach Deutschland tragen. Auch der Servicetipp, wie der Staub wieder von den Autos zu entfernen ist, wurde geliefert, wie der Screenshot zu den Top-Meldungen zeigt. Wenn man etwas tiefer forscht, stößt man auf eine wissenschaftliche Veröffentlichung aus dem Jahr 2020. Ein Forschungsteam rund um Diane Francis publizierte ein Paper, welches den “Blutregen” mit der schmelzenden Eismasse in der Arktis in Zusammenhang bringt. Die SZ berichtete 2020 in einem kurzen Artikel darüber und deutet damit an, wie Klimajournalismus aussehen kann. In der diesjährigen Berichterstattung in den großen Medien waren solche Transferleistungen kaum vorhanden.

Berichterstattung im März zum Wetterphänomen Blutregen

Klimaberichterstattung ist auch soziale Gerechtigkeit

Zu einer Hintergrundberichterstattung zählt für das italienische Radar Magazine auch die Verknüpfung von sozialer Gerechtigkeit und Klima. Das wird beispielsweise im Beitrag “Für eine Handvoll Garnelen” deutlich. Der Beitrag zeigt, was unser Garnelenkonsum für das Ökosystem in Indonesien bedeutet. Solch eine ganzheitliche Berichterstattung kommt in Medien häufig zu kurz: “Uns ist es wichtig, eine andere Betrachtungsweise aufzuzeigen. Häufig berichten Medien nur über ein Ereignis und damit ist das Thema beendet. Wir legen sehr viel Wert darauf zu zeigen, wie die Veränderungen im Klima sich zum Beispiel auf die soziale Gerechtigkeit auswirkt”. Wovon Marta spricht, ist auch in der deutschen Berichterstattung zu sehen.

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Klimathemen wie brennende Wälder, Vulkanausbrüche und verschmutze Meere werden zwar aufgegriffen, aber der Transfer zur Bedeutung bei uns und den Hintergründen kommt häufig zu kurz. „Nachhaltige Energie wird von vielen nicht als wichtigstes Thema angesehen. Es ist nicht greifbar und vielen ist nicht bewusst, wie sehr sich das Thema auf ihren Alltag auswirkt. Denn nachhaltige Energie wirkt sich auf die Wirtschaft oder auf die Zuwanderung aus“. Somit sollten nachhaltige Energien, laut Marta, „eines der wichtigsten Themen sein“. Die aktuelle Krise in der russisch-ukrainischen Auseinandersetzung zeigt deutlich, wie komplex dieses Thema ist. In Folge des Krieges explodierten die Kosten für Energie und Treibstoff.

Klimajournalismus braucht eine Definition

Die Berichterstattung über Fauna, Flora und Natur nimmt im Allgemeinen zu. Marta sieht das jedoch kritisch, denn Klimajournalismus ist etwas anderes als eine Berichterstattung über die Natur oder Umwelt: „Es gibt Reportagen über Löwen oder Bienen. Das ist wichtig und schön anzusehen. Doch es fehlt der Brückenschlag in unser alltägliches Leben. Eine Dokumentation über Tiger lässt die Zuschauer:innen meist zufrieden zurück. Klimajournalismus würde aufzeigen, wie das Tigersterben den Naturkreislauf beeinflusst und welche Auswirkungen das auf die soziale und wirtschaftliche Situation der Menschen vor Ort und perspektivisch auch auf uns in Europa hat“. Klimajournalismus bedeutet, komplexe Sachverhalte und Zusammenhänge für den Laien verständlich zu machen. In Deutschland starten auch die großen Medien immer wieder Task-Forces, die dem Klimajournalismus mehr Raum geben sollen. Dass das Interesse an Klima-Themen vorhanden ist, zeigt auch der Instagramkanal klima.taz mit über 47.000 Followern.

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Das Radar Magazine möchte unabhängig bleiben. Für Marta ist diese Unabhängigkeit eine Voraussetzung für eine ganzheitliche Berichterstattung: „Wir wollen nicht von großen Firmen abhängig sein, die Werbung bei uns buchen. Denn dann müssten wir diese dann vermutlich in unserer Berichterstattung aussparen“. Bisher hat das Radar Magazine eine kleine, aber treue Community und entwickelt ihr Startup im Google News Initiative Start­ups Lab Europe weiter. Das Interesse an Klimajournalismus wächst, und die Macher:innen des Radar Magazines möchten für eine wachsende Leserschaft besser werden. Aktuell planen sie neue Formate und erheben in einer eine Umfrage unter den User:innen, wo sie besser werden können.

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