Best Cases | 14.12.2021

Der charmante Bot - Nutzerdaten und Workflows per Algorithmus erheben

Foto: roman3d/ Adobe Stock

Medienhäuser können durch Bots mehr über ihre Nutzer:innen erfahren und gleichzeitig Personalressourcen sparen. Doch dazu braucht es mehr als ein Chatfenster rechts unten auf dem Bildschirm. Krischan Lehmann von 1E9 möchte den Einsatz von Bots menschlich und sympathisch gestalten.

Für alle, die 1E9 nicht kennen: Was ist das?

Wir sind eine Plattform, die ein Onlinemagazin, eine Community und Events/Konferenzen vereint. Wir beschäftigen uns viel mit Mobilität, Künstlicher Intelligenz, Blockchain-Themen oder die Zukunft des Essens. Wir möchten aber keine reinen Tech-Nerds sein, sondern Themen abbilden, die die Gesellschaft betreffen. Dabei ist uns eine optimistische Haltung wichtig. Technologie wird oft als dystopisch angesehen, dabei soll sie Menschen helfen.

Es gibt unglaublich viele Leute, die Dinge besser wissen als wir selbst. Das bedeutet, dass wir als Journalisten eher Moderatoren und Vermittler zwischen verschiedenen Audiences werden. Wenn wir zum Beispiel einen Experten oder eine Expertin zum Thema KI im Netzwerk haben, dann sprechen wir sie gezielt an und erschaffen gemeinsam eine Publikation. Im Onlinejournalismus haben sich Haltungs- und Meinungsjournalismus stark durchgesetzt. Das heißt, der oder die Journalist:in stellt sich nach vorn. Wir versuchen zurückzutreten und möchten, dass durch uns die Expert:innen zu Wort kommen.

Soweit ich weiß, kommt bei der Suche nach Expert:innen schon das erste Mal euer Bot zum Einsatz?

Wir sind vier Leute und haben Tausende von Mitgliedern in der Community. Da haben wir überlegt: Wie können wir Dinge abfragen? Bei einem Formular hat man nach dem vierten Feld schon keine Lust mehr, etwas auszufüllen. So kamen wir auf die Idee mit dem Bot. Er sagt den User:innen dann beispielsweise, was sie brauchen oder überspringt gleich Abfragen, die nicht relevant sind. Bei so einem Erstkontakt fragen wir beispielsweise ab, welche Themen die Person interessieren.

Inzwischen ist klar, dass man userzentrisch Produkte bauen muss. Aber es geht auch noch weiter. Ich habe früher auch ein Datenteam geleitet und datenbasierte Auswertungen sind bei uns in der DNA. Gleichzeitig haben wir in den Medienhäusern noch so eine Printvergangenheit. Damit meine ich, dass wenige Kontakte der Redaktion zu den Leser:innen bestehen. Das ist vielleicht ein Leserbrief oder eine Beschwerde, warum ein Abo zu spät kam. Genauer betrachtet hat eher der Vertrieb Kontakt nach außen, der Rest des Verlages kaum. Mit Online änderte sich das, zum Beispiel durch Social Media. In der Realität gehen Journalisten und Marken dann auf diese Plattformen und predigen ihre Inhalte in die Community, in der Hoffnung, dass schon Leute dabei sind, die es interessiert. Wir finden das eher schädlich.

Warum ist das schädlich?

Datenteams schauen sich die Inhalte an und werten Klicks und ähnliches aus. Daraus wird abgeleitet, was funktioniert. Man sieht dann jedoch immer nur die Inhalte, die man schon hat. Oder die, die Konkurrenz hat. Raum für wirklich Neues bleibt da wenig. Was gut klickt, sind meist polarisierende und sensationsheischende Artikel. Dabei würde die Leute noch so viel mehr interessieren. Diese Themen finden in den Medien aber kaum statt. Das ist eine schwierige Entwicklung, denn so sind Leser:innen von vielen Inhalten umgeben, die die Gesellschaft unnötig emotionalisieren oder gar spalten. Es wird keine Synthese aus Meinungen oder ein Konsens gesucht, sondern nur was gut klickt.

Ich hab jahrelang tausende Artikel ausgewertet und versucht Muster zu erkennen, warum etwas gut läuft oder nicht. Bei 1E9 kann ich das ganze Wissen wegwerfen, weil sich zeigt, dass es auch anders geht. Ich war selbst verblüfft, welche Themen - auch aus der Nische - ein Publikum finden. Starnews oder ähnliche Boulevardthemen sind ja die klassischen Bringer von Reichweite. Wir haben aber nun oft Beiträge, die wären zehn bis zwölf Seiten lang, wenn man sie ausdruckt. Ein Beispiel ist ein Artikel über einen Architekten, der in den siebziger Jahren versucht hat, das Mittelmeer auszutrocknen. Der hatte innerhalb weniger Wochen über 120.000 Leser mit einer durchschnittlichen Verweildauer von knapp neun Minuten! Klar, das ist auch eine Frage der Ausspielchannels und etlicher weiterer Faktoren - aber dennoch. Das ist eine unglaubliche Zahl. Ich denke, wir trauen den User:innen zu wenig zu.

Und solche Stories findet ihr mit einem Bot?

Unter anderem. Bei jedem Neumitglied meldet sich der Bot. Er begrüßt die Person und erklärt, dass er sie gern der Community vorstellen möchte. Dann sagt er weiter, dass er gern ein Interview mit der Person führen möchte, mit zehn Fragen. Das sind Fragen wie “Welche alte Technik bringt dich ins Schwärmen?” oder “Was würdest du am liebsten ändern?”. Wenn das Interview fertig ist, bekommt das Neumitglied den Text nochmals zum Durchlesen und kann den Text auch editieren. Wenn alles passt, gibt die Person den Text frei und der Bot stellt die Person der Community vor. Der Bot ist eher charmant und das funktioniert sehr gut. Viele User füllen diesen Steckbrief auf diese Weise direkt aus.

So wie man es kennt, also die berühmte Ecke unten rechts, ist nicht gerade sympathisch. Wir haben aus der Not eine Tugend gemacht, und verwandeln die Schwächen des Bots in menschliche Charakterzüge. Unser Bot sagt zum Beispiel, er sei ein alter Commodore 64 aus den achtziger Jahren, deshalb sei er etwas vergesslich. Das ist schon sympathisch für die User:innen.

Aktuell experimentieren wir mit einer Verknüpfung von Job und dem Maschine-Learning-Algorithmus namens GPT3. Dadurch wird die Kommunikation wesentlich offener.In ersten Testläufen hat Job am Ende der Userbefragung die befragte Person aufgefordert, noch eine individuelle Frage an ihn zu stellen. Eine Person fragte: “Wie siehst du das Verhältnis von Wissen und Geld”. Job antwortete dann, dass das Verhältnis ungleich sei. Das Geld sei viel wichtiger als das Wissen. Dann fragt die Userin: “Warum ist das so?” Die Antwort lautete: “Geld ist wichtiger als Wissen, weil Geld die Welt regiert”. Sowas lässt unsere User:innen schon mal emotional werden und geht weit über simple Bot-Interaktionen hinaus.

Also geht es nicht nur um das Sammeln von Informationen, sondern auch um die emotionale Bindung von User:innen. Was können Verlage, aber auch alle Medienhäuser, daraus für sich ableiten?

Dass die schon so uncharmant benannten “Conversion Funnels” durch Bots viel persönlicher und attraktiver werden können - wenn sie denn gut gemacht sind. Dabei geht es nicht nur um Usergenerated Content und Signups, sondern auch zum Beispiel um Bilduploads oder das Abfragen von geografischen Informationen, die man zur Ausspielung von Event-Tipps nutzen kann. Auch Event-Anmeldungen oder Multiple-Choice-Fragebögen sind Einsatzgebiete. Ein klassisches Weihnachtsquiz zum Beispiel ist mit einem Bot schnell erstellt. Der Bot kann dann gleich anzeigen, wie erfolgreich der Teilnehmende war, wo er oder sie in der Rangliste gelandet ist und theoretisch könnte der Bot sogar gleich einen Preis, zum Beispiel einen Gutschein, per Mail verschicken.

Das ist eine ganze Menge. Der Name 1E9 klingt auch ein bisschen wie ein Bot. Ihr seid aber echte Menschen. Was hat es mit eurem Unternehmensnamen auf sich?

Weitere Möglichkeiten wären: Der Bot könnte gezielt Vorlieben und Interessen abfragen und aus der Menge an Content passende Artikel heraussuchen und sie den User:innen vorschlagen. Oder der Bot befragt die Community und macht dann ein Matching, um verschiedene Leute zusammenzubringen und einander vorzustellen. Vieles ist vorstellbar.

Ja, wir sind echte Menschen (lacht). 1E9 ist die Abkürzung für eine Milliarde. Wenn die Zahlen nicht mehr auf den Taschenrechner passen, dann zeigt er diese Abkürzung an. Es heißt, wenn eine Technologie 1 Milliarde Menschen erreicht, dann verändert sie die Welt. Wir wollen uns mit Technologien beschäftigen, die genau dieses Potenzial haben. Aber es soll nicht um die Technologien selbst gehen, sondern auch um die Menschen, die dahinter stehen und - das ist uns sehr wichtig - die gesellschaftlichen Auswirkungen, die sie haben.

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