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Abschlussarbeiten im Media Lab | 21.07.2026

Warum konstruktiver Datenjournalismus die Zukunft ist

Kriege, Krisen, Klimawandel: Immer mehr Menschen vermeiden Nachrichten. Dabei können Journalist:innen anhand von Daten nicht nur Probleme aufzeigen, sondern auch Lösungen und damit Fortschritt sichtbar machen. Welches Potenzial bietet konstruktiver Datenjournalismus und was müssen Redaktionen tun, um diesen Ansatz zu fördern?

Negativitätsbias und Nachrichtenvermeidung

In Südeuropa brennt der Wald, in der Ukraine herrscht weiterhin Krieg, die Wohnungskrise verschärft sich – und du hast gar keine Lust, dir diese schlechten Nachrichten reinzuziehen? Damit bist du nicht allein. 71 Prozent der erwachsenen Internetnutzer:innen in Deutschland vermeiden laut dem Digital News Report 2025 mindestens gelegentlich aktiv die Nachrichten – so viele wie noch nie. Die Hauptgründe dafür sind ein Übermaß an Berichterstattung über Kriege und Konflikte und die negativen Auswirkungen auf die eigene Stimmung.

Doch wenn Menschen aktiv Nachrichten vermeiden, ist das ein massives Problem für unsere Demokratie. Denn Bürger:innen können nur dann am gesellschaftlichen und politischen Leben teilnehmen, wenn sie auch über die aktuellen Ereignisse informiert sind. Die Medienbranche steht daher vor einer existenziellen Frage: Wie wird sie vom Teil des Problems wieder zum Teil der Lösung? Eine mögliche Antwort darauf liegt in der Kombination zweier journalistischer Disziplinen: dem konstruktiven Journalismus und dem Datenjournalismus.

Das Dream-Team: Wie Daten und konstruktiver Journalismus zusammenpassen

Konstruktiver Journalismus zielt darauf ab, dem Negativitätsbias in der Berichterstattung entgegenzuwirken. Es geht dabei nicht um Schönfärberei, sondern darum, nuanciert und zukunftsorientiert zu berichten, neben der Problemdarstellung etwa auch Lösungsansätze und Fortschritt sichtbar zu machen.

Und hier kommt der Datenjournalismus ins Spiel: Daten können das evidenzbasierte Fundament für konstruktive Geschichten liefern. Der US-amerikanische Journalist Matthew Kauffman spricht deshalb auch vom „Power Couple“ des Journalismus. Anhand von Daten können Journalist:innen positive Entwicklungen aufzeigen, mögliche Zukunftspfade darstellen oder die Wirksamkeit von Lösungen empirisch belegen. Damit liefern sie Antworten auf zukunftsrelevante Fragen: Wie hat sich der Ausbau erneuerbarer Energien in den letzten fünf Jahren in Deutschland entwickelt? In welchen ländlichen Regionen ist die Ärzteversorgung besonders gut – und warum läuft es hier besser als anderswo? Welche Maßnahmen würden helfen, die Ungleichverteilung von Vermögen in Deutschland zu reduzieren?

Konstruktiver Datenjournalismus zeigt also, wie ein zukunftsorientierter und verantwortungsbewusster Journalismus in einer krisengeschüttelten Welt aussehen kann. Doch welchen Mehrwert liefert konstruktiver Datenjournalismus konkret? Und vor welchen Herausforderungen stehen Datenjournalist:innen bei der Umsetzung im Redaktionsalltag? Darüber habe ich im Rahmen meiner Masterarbeit mit neun Datenjournalist:innen und drei konstruktiven Journalist:innen gesprochen.

Mit konstruktivem Datenjournalismus gegen die Polarisierung

Die befragten Journalist:innen sehen den Mehrwert von konstruktivem Datenjournalismus vor allem darin, den Mediennutzer:innen vielfältige Perspektiven aufzuzeigen sowie positive Entwicklungen und Lösungsansätze besonders greifbar darzustellen. Außerdem äußern sie, dass sich eine solche Berichterstattung positiv auf das psychische Wohlbefinden des Publikums auswirken und Nachrichtenvermeidung reduzieren kann.

Auch für Medienunternehmen bietet konstruktiver Datenjournalismus enormes Potenzial: Die Datenjournalist:innen berichten, dass sie durch eine konstruktive Herangehensweise ganz neue Geschichten finden.

Vor dem Hintergrund wachsender gesellschaftlicher Spaltung ist auch das demokratische Potenzial beachtenswert: Die befragten Journalist:innen betonen, dass konstruktiver Datenjournalismus insbesondere hitzige und emotional geführte gesellschaftliche Debatten depolarisieren kann – beispielsweise indem Journalist:innen Fakten zur Migrationspolitik aufbereiten. Außerdem könne die datenbasierte Darstellung von Lösungsansätzen als Impuls für gesellschaftliche Akteure dienen und damit letztlich zu einem gesellschaftlichen und politischen Wandel beitragen.

Wo es im Redaktionsalltag noch hakt

Obwohl der Mehrwert auf der Hand liegt, zeigen die Interviews mit den Journalist:innen, dass der Umsetzung aktuell noch einige Herausforderungen im Weg stehen. Das größte Hindernis ist eine mangelnde redaktionelle Verankerung konstruktiver Ansätze. In den meisten deutschen Redaktionen ist Konstruktivität weder als Ziel in den Redaktionsstatuten festgeschrieben noch explizit Thema in Redaktionskonferenzen. Hinzu kommt ein chronischer Ressourcenmangel: Sowohl Datenrecherche als auch konstruktive Lösungsrecherchen kosten Zeit und Geld. Unter Zeitdruck greifen Datenjournalist:innen noch eher auf fest etablierte problemorientierte Routinen zurück. Das Festhalten an Routinen, die auf Negativität ausgerichtet sind, wird auch durch den Reichweitendruck und die Überzeugung verstärkt, dass Nutzer:innen besser mit Problemlagen erreicht würden.

Auch auf der menschlichen und handwerklichen Ebene gibt es Hürden. Viele Datenjournalist:innen pflegen ein traditionelles, problemzentriertes Rollenverständnis und begegnen dem konstruktiven Ansatz mit Vorbehalten. Zudem fehlt ihnen oft das praktische Know-how, wie sie im Journalismus konkret konstruktiv vorgehen können. Strukturelle Probleme wie eine mangelnde Datenverfügbarkeit oder die Schwierigkeit, die genauen Erfolgsfaktoren hinter einem positiven Datentrend eindeutig nachzuweisen, erschweren die konstruktive datenjournalistische Arbeit zusätzlich.

Journalismus muss konstruktiver werden

Um die Potenziale von konstruktivem Datenjournalismus in Zukunft stärker auszuschöpfen, muss die Journalismusbranche an mehreren Stellschrauben drehen. Journalist:innen müssen sich kritisch mit ihrer Rolle auseinandersetzen und den konstruktiven Blickwinkel fest in ihre Routine integrieren. Dafür muss das Handwerk des konstruktiven Journalismus bereits in der journalistischen Ausbildung gelehrt und durch praktische Schulungen gefördert werden.

Vor allem aber müssen in den Redaktionen entsprechende Strukturen geschaffen werden, die die Umsetzung von konstruktivem Datenjournalismus nachhaltig fördern. Konstruktive Ansätze müssen gezielt von der Leitungsebene gefördert und in allen Phasen des Arbeitsprozesses mitgedacht werden. Dafür kann zum Beispiel Konstruktivität als Ziel im Redaktionsstatut festgelegt, in Themenfindung und Blattkritik mitgedacht und in redaktionelle Tools wie Pitch-Formulare eingebaut werden. Gelungene konstruktive Datenprojekte aus der eigenen Redaktion eignen sich außerdem gut als reproduzierbare Muster. Redaktionen sollten sich zudem ernsthaft mit den Interessen ihrer Nutzer:innen auseinandersetzen und konstruktive Datenformate über einen längeren Zeitraum testen und evaluieren. All das bedeutet auch: Es müssen bewusst Ressourcen und Zeitbudgets für aufwendige, datengestützte Lösungsrecherchen bereitgestellt werden.

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Artikel written by

Tanika Trum

Tanika hat Kommunikationswissenschaft und Internationale Beziehungen in Erfurt und Journalismus in Leipzig studiert. Während des Studiums war sie unter anderem Praktikantin beim Good Impact Magazin und hat mit ihren Kommiliton:innen ein konstruktives Format für die taz entwickelt. Spätestens hier wuchs ihre Begeisterung für konstruktive Ansätze und die Frage, wie Journalismus innovativ und zukunftsfähig gestaltet werden kann.

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