Abschlussarbeiten im Media Lab | 10.08.2023

Paywalls im Journalismus auf Kosten gesellschaftlicher Verantwortung?

Die Einführung von Paywalls, um Qualitätsjournalismus zu finanzieren, hat eine kontroverse Debatte ausgelöst. Unser Gastautor blickt auf die beklagten Schattenseiten von Bezahlschranken und stellt dar, warum Kritiker:innen dabei auch vor Fake News warnen.

In der heutigen Zeit stehen viele Medienunternehmen vor der großen Herausforderung, journalistisch hochwertige Inhalte nachhaltig zu monetarisieren und gleichzeitig einer breiten Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Die bisherige Annahme, dass Qualitätsjournalismus allein durch Werbung ausreichend finanziert werden könne, hat sich spätestens in den 2020er Jahren als weitgehend illusorisch erwiesen.

Das „magische Dreieck des Journalismus“

Im Rahmen meiner Masterarbeit habe ich in den letzten sechs Monaten die Wechselwirkungen zwischen hoher journalistischer Qualität, großer Reichweite und ausreichender Monetarisierung untersucht. Basierend auf wissenschaftlichen Erkenntnissen konnte ich nachweisen, dass die drei Komponenten (Qualität, Reichweite und Monetarisierung) des "magischen Dreiecks des Journalismus" nicht nur schwer miteinander vereinbar sind, sondern in den meisten Fällen auch negative Korrelationen aufweisen. Eine Steigerung des Werts einer Komponente (bspw. Monetarisierung) führt dabei zwangsläufig zu einer Minderung des Werts einer anderen Komponente (bspw. Reichweite).

Ein Beispiel dazu: 2016 führte das Nachrichtenportal Spiegel Online das Paid-Content-Angebot „Spiegel Plus“ ein, um weiterhin sowohl eine ausreichende Monetarisierung als auch eine hohe journalistische Qualität zu gewährleisten. Seitdem wird etwa ein Drittel des Contents hinter einer Paywall angeboten, die den Zugang zu den Inhalten ausschließlich zahlenden Abonnent:innen ermöglicht.

Im Oktober 2022 verzeichnete das digitale Angebot des Spiegels etwa 19,5 Millionen Unique Users. Allerdings hatten nur rund 190.000 davon ein Spiegel-Plus-Abonnement abgeschlossen, was einem Anteil von ca. 0,97 Prozent entspricht. Das bedeutet, dass über 99 Prozent aller User:innen keinen Zugriff mehr auf die laut Spiegel Online am tiefgründigsten recherchierten Beiträge hatten.

Das magische Dreieck des Journalismus

Die Schattenseiten einer Paywall

Der US-amerikanische Journalist Sam Carliner warnte 2019 in seinem Essay „Democracy dies in paywalls“ davor, dass qualitativ hochwertige Informationen hinter einer Bezahlschranke nur einer zahlungskräftigen Elite vorbehalten blieben. Er stellte die provokante Frage: “If journalists provide information, but only for those who pay to view it, is that really journalism?”

Weitere Kritiker:innen hatten auch im deutschsprachigen Raum schon vor der Covid-19-Pandemie und dem Krieg in der Ukraine die Besorgnis geäußert, dass der Einsatz von Paywalls populistische Strömungen möglicherweise noch weiter verbreiten könnte. Ihre Befürchtung: Qualitativ hochwertige Informationen und fundierte Berichterstattung werden damit hinter Paywalls verborgen, während unseriöse Quellen und Falschinformationen weiterhin kostenlos zugänglich bleiben.

Medienberater Thomas Knüwer vertrat bereits 2017 die Ansicht, dass eine Zunahme von Inhalten hinter Paywalls den Raum für die Verbreitung von Falschmeldungen vergrößere.

Medienexperte Cosmin Ene unterstützte 2019 diese Bedenken: „Je weniger Menschen Zugang zu qualitativ hochwertigen Informationen haben, desto leichter können populistische Strömungen ohne Gegenstimme ihrem Geschäft nachgehen. Die Wahrscheinlichkeit, dass Halbwahrheiten und Fake News geglaubt werden, steigt.“

In einer Umfrage im Rahmen meiner Masterarbeit stimmten 86 Prozent der Befragten Knüwers These zu.

Umfrage zur These: Je mehr qualitativ hochwertige Inhalte hinter einer Bezahlschranke landen, desto mehr Raum haben Falschmeldungen zur Verbreitung.

Der jüngste Reuters Digital News Report (Juni 2023) bekräftigt die Besorgnis über das Aufkommen von Desinformation und Fake News. 37 Prozent der erwachsenen Internetnutzenden in Deutschland äußerten in einer repräsentativen Befragung Bedenken, dass sie Falschmeldungen nicht mehr von Fakten unterscheiden können.

Zudem sind nur noch 43 Prozent der Befragten der Meinung, dass man dem Großteil der Nachrichten vertrauen kann. Dies entspricht einem Rückgang um sieben Prozentpunkte im Vergleich zu 2022 und ist die geringste Zustimmung seit der Aufnahme dieser Frage in den Reuters Institute Digital News Survey im Jahr 2015.

„Erstklassiger Journalismus kann nicht umsonst sein“

Die Thesen Knüwers und Enes werfen eine zentrale Frage auf: Wenn nur noch zahlungskräftige Leser:innen qualitativ hochwertigen Journalismus konsumieren können, gewinnen dann unseriöse Quellen tatsächlich mehr oder weniger ungehindert an Zugkraft?

„Nein!“, versichert der Nachrichtenchef einer großen deutschen Tageszeitung in einem Gespräch im Rahmen der Masterarbeit: „Die Paywall ist sicherlich keine Ursache für das Aufkommen von Falschmeldungen, sondern gewährleistet die Finanzierung von gutem Journalismus. Der Verzicht auf eine Paywall hätte zur Folge, dass wir unseren Journalismus in dieser Form nicht mehr anbieten können.“

Auch Steffen Klusmann, früherer Spiegel-Chefredakteur, erklärt: „Erstklassiger Journalismus, der sich nicht abhängig machen will, kann nicht umsonst sein.“

Zweifellos sind tiefgründige Recherche und fundierte Informationen mit Kosten verbunden, und es ist dementsprechend legitim, dass Medienunternehmen für den Zugang zu hochwertigem Content Geld verlangen.

Die Forschung im Rahmen der Masterarbeit ergab, dass die Mehrheit der Befragten (etwa 76 Prozent) grundsätzlich dazu bereit ist, für qualitativ hochwertige journalistische Beiträge zu bezahlen. Allerdings würden nur 15 Prozent den monatlichen Preis für ein Spiegel-Plus-Abonnement (19,99 Euro) bezahlen. Dies wirft zumindest Fragen über die Nachhaltigkeit der etablierten Paid-Content-Modelle auf.

​​Umfrage zur Zahlungsbereitschaft: Wie viel Geld würden Sie monatlich für Online-Journalismus, der Ihren Erwartungen entspricht, ausgeben?

Journalismus als „Hüter der Wahrheit“ und „Säule der Demokratie“

Nach eingehender Recherche über einen Zeitraum von einem halben Jahr wurde mir eines verdeutlicht: Wir leben in einer Zeit, in der Desinformation und Fake News zweifelsohne eine Bedrohung für die demokratische Gesellschaft darstellen und sich das Vertrauen in Nachrichten auf einem historischen Tiefpunkt befindet. In dieser Zeit liegt es mehr denn je in der Verantwortung von Journalist:innen, die gesamte Öffentlichkeit mit verlässlichen Informationen zu versorgen, zu denen es sonst keinen Zugang gäbe. Um dieses Ziel zu erreichen, bedarf es innovativer Finanzierungsmodelle inklusive kreativer Paid-Content-Ansätze, einer verstärkten Zusammenarbeit zwischen Medienunternehmen und Leser:innen und gegebenenfalls sogar staatlicher Unterstützung.

Schließlich kann der Journalismus seine fundamentale Funktion als Hüter der Wahrheit und Säule der Demokratie nur dann erfüllen, wenn eine ausreichende Monetarisierung sichergestellt ist. Pulitzer-Preis-Träger Howard Saltz bringt es abschließend auf den Punkt: “We have obligations to the communities we cover. But we can’t fulfill those obligations if we don’t exist.”

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Ein Artikel von

Nikolas Pfeil

Nikolas Pfeil studiert Multimediale Information und Kommunikation an der Hochschule Ansbach. In seiner Masterarbeit widmet er sich den Herausforderungen, denen etablierte Nachrichtenportale in der dynamischen Medienlandschaft gegenüberstehen. Zuvor schloss er ein Studium in Sportjournalismus und Sportmanagement ab, schrieb u.a. Texte für SPORT1 und den Sportinformationsdienst, war als Kommentator im Profi-Basketball tätig und hat an der Entwicklung von Medienkonzepten für verschiedene Vereine und Unternehmen mitgewirkt.

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