Abschlussarbeiten im Media Lab | 16.10.2026
Nachrichtenmüde? Wie Audio-News junge Leute erreichen wollen
Zu viel, zu negativ, zu belastend: Viele junge Menschen meiden Nachrichten, um sich selbst zu schützen. Der öffentlich-rechtliche Rundfunk soll sie trotzdem informieren: auf Augenhöhe und ohne zu überfordern, aber mit journalistischem Anspruch. Wie stellen sich Audio-Redaktionen dieser Herausforderung – und was muss sich künftig ändern?
„Weltuntergang? Nein, danke!“ Mit diesem Titel richtet sich der öffentlich-rechtliche Nachrichten-Podcast 0630 im Rahmen einer Live-Show zum Jahresbeginn an seine jungen Hörer:innen. Der Anlass: eine Nachrichtenlage, die seit Jahren von Krisen und Konflikten bestimmt wird und viele Menschen erschöpft. Besonders junge Menschen ziehen daraus Konsequenzen: Knapp 80 Prozent der 18- bis 24-Jährigen meiden Nachrichten zumindest gelegentlich, so der Digital News Report 2025 – Tendenz steigend. Die Forschung spricht hier von News Avoidance.
Warum junge Menschen abschalten
Der Grund liegt vor allem im Selbstschutz. Junge Menschen sagen am häufigsten, dass Nachrichten ihre Stimmung belasten und die schiere Menge sie erschöpft. Dazu kommt das Gefühl, ohnehin nichts ändern zu können. Auch das Angebot selbst trägt dazu bei: Die klassische Nachrichtenauswahl begünstigt Negatives, weil es nachweislich Aufmerksamkeit bindet. Was als berichtenswert gilt, deckt sich deshalb nicht immer mit dem, was junge Menschen bewegt.
Außerdem hat sich das Informationsverhalten verändert. Junge Nutzer:innen stoßen heute vor allem nebenbei in sozialen Medien auf Nachrichten, wo Algorithmen bestimmen, was im Feed erscheint. Nicht jede Abkehr ist also eine bewusste Entscheidung. Erreicht der Journalismus junge Menschen jedoch nicht mehr, verliert dieser an Relevanz.
Zwischen Anspruch und Ansprache
Für den öffentlich-rechtlichen Rundfunk ist das eine besondere Herausforderung, denn er soll die gesamte Bevölkerung unabhängig und verlässlich informieren und so demokratische Teilhabe sichern. Zieht sich ein großer Teil einer Generation aus der Nachrichtennutzung zurück, wächst die Anfälligkeit für Desinformation. Das gefährdet nicht nur die Demokratie, sondern auch die Legitimation des Rundfunks.
Wer junge Erwachsene erreichen will, braucht eine lebensweltnahe und niedrigschwellige Ansprache. Die steht jedoch im Spannungsfeld mit etablierten Nachrichtenlogiken und den Qualitätsstandards des öffentlich-rechtlichen Auftrags. Es ist ein Spagat zwischen Nähe zum Publikum und journalistischer Pflicht.

Audio-News als Chance?
Einen vielversprechenden Weg bietet dabei Audio. Das Medium begleitet den Alltag und schafft über die Stimme Nähe und Vertrauen. Besonders Podcasts gewinnen bei jungen Menschen als Nachrichtenquelle an Bedeutung, während das lineare Radio sie immer seltener erreicht.
Doch wie gehen die Redaktionen mit diesem Potenzial und mit der Nachrichtenmüdigkeit ihres jungen Publikums um? Die News-Avoidance-Forschung schaut bislang fast nur auf das Publikum, während die Perspektive der Redaktionen kaum untersucht ist. Für meine Masterarbeit habe ich deshalb mit elf Verantwortlichen öffentlich-rechtlicher Hörfunk- und Podcast-Angebote gesprochen.
Hier ein Auszug der Ergebnisse:
Der Blick der Redaktionen auf das junge Publikum
Die Praxis bestätigt, was die Forschung beschreibt: Die Redaktionen nehmen ihr junges Publikum nicht als desinteressiert wahr. Sie deuten die Abkehr als Schutzreflex auf Dauerkrisen und Informationsflut. Einige Befragte sprechen mit Blick auf soziale Medien von „Feed-Müdigkeit“.
Zudem betonen die Expert:innen, dass sich junge Menschen in ihren Lebenswelten und Bedürfnissen stark unterscheiden. Wer in der Großstadt studiert, interessiert sich für andere Themen als jemand, der in der Kleinstadt eine Ausbildung macht. Die Gestaltung eines Angebots, das alle erreichen soll, stellt die Redaktionen damit vor eine Herausforderung.
Was die Redaktionen bereits tun
Genau daran setzen die Redaktionen vor allem bei der Themenauswahl an: Die Themen müssen an die Lebenswelt junger Menschen anknüpfen. Klassische Nachrichtenfaktoren gelten weiterhin, rücken aber hinter die Frage, was im Alltag der Zielgruppe eine Rolle spielt.
Dabei nennen mehrere Verantwortliche die sprachliche Annäherung an die Zielgruppe als wirksamsten Hebel. Die Redaktionen wollen junge Menschen nicht von oben herab informieren, sondern auf Augenhöhe. Dafür lösen sie sich von der klassischen Nachrichtentonalität und orientieren sich an der gesprochenen Alltagssprache. Manche wollen klingen wie ein gut informierter Kumpel, andere denken an ein Gespräch unter engen Freunden. Jugendsprache setzen sie sparsam ein, um nicht aufgesetzt zu klingen. Die journalistischen Standards sind dabei unverhandelbar: Eine Meldung darf nicht ungenau werden, nur weil sie jung formuliert ist.
Dazu verändern sich auch Aufbau und Erzählweise. Mehrere Redaktionen steigen erklärend oder szenisch in Meldungen ein, statt mit dem aktuellsten Ereignis zu beginnen und dosieren Belastendes bewusst: Nicht jede Krisenmeldung wird gesendet und eine leichtere Meldung kann die Sendung abschließen.
Schließlich setzen fast alle Befragten auf konstruktive Ansätze: Neben dem Problem zeigen sie auch Lösungen oder Handlungsmöglichkeiten auf und wollen so Selbstwirksamkeit vermitteln. Über Lösungen wird allerdings nur berichtet, wo es echte Ansätze gibt.
Woran es noch hakt
Ob Ideen im Redaktionsalltag Platz finden, hängt stark von den Rahmenbedingungen ab. Knappe Personal- und Mittelressourcen bremsen die Weiterentwicklung der Angebote und der Mut zum Ausprobieren leidet, auch aus Sorge um die Reichweite.
Dazu kommen schwerfällige Strukturen: Die föderal organisierte ARD gleicht für manche Befragte einem riesigen Tanker, bei dem ein Kurswechsel „schmerzhaft lange“ dauert. Und schließlich setzen Markt und Medium Grenzen: Das lineare Radio erreicht junge Menschen kaum noch und kaum jemand schaltet ein junges Radioprogramm wegen der Nachrichten ein. Umso mehr bräuchte es verlässliches Wissen über das Publikum, doch Forschung zu Radionachrichten sei „höchst selten“ und so beruhe vieles auf persönlicher Erfahrung.
Was die Branche jetzt tun kann
Müssen Nachrichten also neu gedacht werden? Die Gespräche legen nahe: ja, aber nicht von Grund auf neu. Die Redaktionen halten an ihrem journalistischen Anspruch fest und rücken das Publikum stärker in den Mittelpunkt. Auf dieser Grundlage habe ich fünf Handlungsempfehlungen für die Praxis abgeleitet. Sie sind als Impuls gedacht, um Audio-News für junge Menschen weiterzuentwickeln:
- Relevanz und Sprache systematisch verankern.
Die Alltagsbedeutung eines Themas sollte fester Bestandteil der Themenauswahl werden. Erklärende Einstiege und Alltagssprache gehören in verbindliche Gestaltungs- und Sprechleitfäden – ergänzt durch Schulungen. - Selbstwirksamkeit gezielt stärken.
Konstruktive Ansätze geben jungen Menschen eine Perspektive: Sie zeigen, dass es auch in belastenden Zeiten Handlungsmöglichkeiten gibt und eigenes Engagement etwas bewirken kann. - Wirkung systematisch messen.
Redaktionen sollten Wirkung und Bedürfnisse systematisch erfassen, zum Beispiel über qualitative Zielgruppenbefragungen und senderübergreifend gebündelte Daten. - Den Kontakt zur Zielgruppe suchen.
Digitale Rückkanäle, Beteiligungsformate und die Einbindung von Hörer:innen als Protagonist:innen sollten verstetigt werden. Ihre Rückmeldungen fließen so in die Themenauswahl zurück. - Den Reformprozess auf die Zielgruppe ausrichten.
Die gemeinsame Audio-Plattform und die zusammengeführten Jugendangebote sollten konsequent publikumszentriert gestaltet werden.
Ob diese Maßnahmen junge Menschen tatsächlich zurückgewinnen, hat die Studie nicht geprüft. Gezeigt hat sie aber, wie Redaktionen Nachrichten heute gestalten, um der Nachrichtenmüdigkeit zu begegnen. Damit liefert sie einen Ausgangspunkt für künftige Forschung.
Alina hat nun das Förderprogramm für Abschlussarbeiten durchlaufen. Du hast auch ein spannendes Thema? Melde dich bei uns!