Media Research & Development | 21.09.2021

Mehrsprachige Newsangebote für mehr Demokratie und mehr Zusammenhalt

Was bedeutet frei zugänglich?

Der Medienstaatsvertrag regelt, welche Aufgaben die Medienanstalten in Deutschland haben. Der erste Satz der Präambel lautet: Dieser Staatsvertrag der Länder enthält grundlegende Regelungen für die Veranstaltung und das Angebot, die Verbreitung und die Zugänglichmachung von Rundfunk und Telemedien in Deutschland. Der Begriff „Zugänglichmachung“ bietet Spielraum. Zum Beispiel ist von der Verfügbarkeit in mehr als zwei Drittel der Haushalte oder von Barrierefreiheit die Rede. Durch die globalisierte Welt, könnte man die Begrifflichkeit frei zugänglich erweitern. Zum Beispiel, indem Informationssendungen häufiger auch in anderen Sprachen abrufbar werden.

Nalan Sipar arbeitet seit zehn Jahren als freie Journalistin. Überwiegend war sie für öffentlich-rechtliche Medienhäuser tätig. Dabei hatte sie immer Berührungspunkte mit türkisch-deutschen Formaten. Ihr trimediales, bilinguales Volontariat absolvierte sie bei der Deutschen Welle. Darauf folgten unter anderem Moderationen des damaligen deutsch-türkischen Kinderformats auf WDR5, mit dem die Redaktion auch 2014 den deutschen Radiopreis in der Kategorie Beste Innovation gewann. Die Sendung wurde im Verlauf leider eingestellt. Die Bilingualität in den Medien verfolgte sie weiter, doch immer wieder sei sie „gegen Wände gerannt“. Die Corona-Pandemie war der letzte Stein des Anstoßes, um ihren eigenen bilingualen YouTube-Channel zu starten. Ihr Schaffen macht deutlich, warum Sprachbarrieren in der deutschen Medienlandschaft überwunden werden müssen.

 

Fake News und Verantwortung durch Medien

Fake News sind ein globales Problem, welche schnell zu Fragen des unversehrten Lebens werden können. Während der Pandemie zeigte sich das deutlich. Ein US-Präsident, der es in Betracht zog, Desinfektionsmittel zu injizieren oder ein brasilianischer Staatschef, der das Tragen von Masken infrage stellt, sind zwei Beispiele. Über beides berichtete die deutsche Medienlandschaft in den Hauptnachrichten.

Im Zuge der Corona-Pandemie erreichten auch Nalan Sipar regelmäßig Anfragen aus der türkischsprachigen Community, was zu tun sei. Teilweise waren auch kuriose Fragestellungen dabei: „Stimmt es, dass türkische Gene gegen Corona immun sind?“ oder „Sollen wir puren Alkohol trinken“ sind zwei davon. „Als ich fragte, woher die Menschen diese Informationen beziehen, sagten sie: ‘Aus dem türkischen Fernsehen’. Solche Falschinformationen sind lebensbedrohlich. Ich fühlte mich verantwortlich, die Menschen aufzuklären. So startete ich auf meinem YouTube-Kanal mit Videos, die auf Türkisch über Fake News aufklärten“. Damit bediente die Journalistin ein großes Bedürfnis: Sie machte die Richtigstellung von Fehlinformationen für ein nicht-deutschsprachiges Publikum zugänglich. Eigentlich naheliegend, in einem Land, indem etwa 25 Prozent der Bevölkerung eine Migrationsgeschichte habe und mit demselben Informationschaos wie alle anderen, konfrontiert sind. Die Regierungsverantwortlichen aus Berlin gaben Nalan Sipar recht. „Ich twitterte im März an die Bundesregierung, dass eine große Desinformation in der deutsch-türkischen Community herrscht. Das Bundesministerium für Gesundheit meldete sich bei mir und am nächsten Tag war ich vor Ort. Zusammen nahmen wir ein Aufklärungsvideo auf Türkisch mit deutschen Untertiteln auf“.

Bilingualität schließt ein

Unter Videos immer Netz tauchen neben den Likes, auch immer wieder Hasskommentare auf, so war das auch unter dem Aufklärungsvideo auf Türkisch oder dem türkischsprachigen Corona-Update von Nalan Sipar. Zum Beispiel tauchte der Kommentare auf, dass alle, die in Deutschland leben, gefälligst auch Deutsch zu sprechen hätten. Für die Journalistin ist das ein schwaches Argument: „Es bringt doch nichts, wenn sich Deutsch-Türken infizieren und du sitzt neben dieser Person in der Bahn. Jeder profitiert in einer globalen Welt von einer globalen Information“.

Nalans aktuelles Projekt dreht sich um die Bundestagswahl. Spitzenpolitiker wie Olaf Scholz oder Cem Özdemir saßen zum Interview bei ihr im Wohnzimmer. Letzte Woche veröffentlichte sie ein Video, indem sie den Wahl-O-Mat ins Türkische übersetzt. „Warum macht die Bundeszentrale für politische Bildung das nicht? Auch hier stellt sich die Verantwortungsfrage. Ich fühle mich dafür verantwortlich, weil es scheinbar andere nicht tun“, erklärt sie. „In Deutschland sind 12 Prozent der Menschen mit Migrationshintergrund wahlberechtigt, und weitere 14 Prozent sind es nicht. Allerdings wird der nächste Bundeskanzler bzw. die nächste Bundeskanzlerin das Leben von diesen Menschen beeinflussen. Und natürlich haben wahlberechtigte, aber auch nicht-wahlberechtigte Menschen ein Recht darauf, zu erfahren, wer diese Person ist, ob sie sich für die eigene Community einsetzt oder die Probleme überhaupt kennt“. Für Nalan Sipar geht es auch um Demokratie, denn wenn ein Teil der Bevölkerung beschränkten Zugang zu Informationen hat, dann ist ein demokratisches Prinzip nicht umsetzbar. „Es liegt an uns als Journalist:innen, kritische Fragen zu stellen, aber es liegt auch in der Verantwortung des Staates, dass jeder Mensch Zugang zu Informationen hat und am demokratischen Prozess teilnehmen kann“.

Politik aus Deutschland im heimischen Wohnzimmer

Unabhängig von der Zugänglichkeit spielt Vertrauen eine große Rolle. Etablierte Medienunternehmen hatten in den letzten Jahren mit Zweifeln in der Gesellschaft zu kämpfen. Gleichzeitig liefern soziale Plattformen jedem und jeder (Nicht-)Journalistin die Möglichkeit, Informationen mit der Welt zu teilen. Das wiederum kann zum Nährboden von Misstrauen und Abwendung von den deutschen Medien werden. Wenn eine deutsche Tagesschau im Zuhause von Gastarbeiterfamilien nicht stattfindet, dann ordnen ihre deutsch-sprechenden Kinder, also die nächste Generation, diese Sendung auch ganz anders ein, folgert Nalan Sipar: „Politik hat sehr viel mit Gefühlen zu tun. Nur wenn türkeistämmige Eltern beim Abendessen eine´türkische Tagesschau` gucken -aus Deutschland auf Türkisch- können sie zum Beispiel sich über deutsche Politiker:innen aufregen und Sympathie zeigen. Sie schauen dann nicht mehr nur die türkischen Nachrichten aus der Türkei und dann werden sich ihre Kinder unter anderem auch für die deutsche Politik interessieren.“ So kann vermieden werden, dass aus der wichtigsten Nachrichtensendung Deutschlands die nichtigste Nachrichtensendung Deutschlands wird. Etablierte Medien gewinnen in der Folge Relevanz, und bauen ihre Gate-Keeper-Rolle für diese Personengruppen aus.

Ein medialer Supermarkt ohne Produkte

Es geht aber nicht nur um Gastarbeiterfamilien: „Das betrifft auch Erasmus-Studierende oder die sogenannten Import-Bräute. Warum gibt es kein festes Budget für diese Menschen in den öffentlich-rechtlichen Medien? Die Zeiten haben sich gewandelt. Ich würde sogar sagen, wegen der wachsenden Konkurrenz auf YouTube & Co. müssen die großen Medienunternehmen inzwischen sogar beweisen, dass sie weiter legitim am Markt sind. Konsument:innen von Medien wollen spezifische Formate“. Um die Diskrepanz der öffentlich-rechtlichen Medienlandschaft und der nicht-deutsch sprechenden Bevölkerung aufzuzeigen, zieht die Journalistin einen Vergleich: „Stell dir vor, du gehst in einen Supermarkt und läufst durch die Produktregale. An der Kasse bezahlst du 55,08 Euro und hast keinen Artikel gekauft, weil nichts für dich dabei war. So ungefähr ist das, wenn du den Rundfunkbeitrag bezahlst aber keine Inhalte für dich bereitgestellt werden“.

Am Ende bleibt die Frage: Wer ist für die Produkte im Supermarkt verantwortlich und wie soll er aussehen? Wahrscheinlich ist es ein Mix aus öffentlichem Auftrag und Eigenverantwortung. Nalan Sipar setzt bei ihren YouTube-Videos aktuell auf Untertitel, um die Sprachbarriere zu überwinden und Vertrauen bei der deutschen Gesellschaft zu schaffen. Ab Oktober  2021 wird sie im Media Startup Fellowship Batch #10 ihre Idee von integrativen Medien weiterentwickeln.

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