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19. November 2021 | Start Up Knowledge

Renaissance der digitalen Plattformen - Neue Player verändern, wie wir mit Inhalten umgehen

Foto: Chaosamran_Studio

Text: Christian Simon

Plattformen bestimmen, wie wir mit Inhalten im Netz und Informationen im Allgemeinen umgehen. Algorithmen bestimmen, welche Inhalte wir sehen-meistens eine bunte Mischung, für kurze Zeit. Sie bestimmen auch, wie Informationen aufbereitet werden - meistens Text, inzwischen auch viel Video, neuerdings mehr Audio.

Vor langer Zeit, in einer Zeit vor Facebook und Twitter, bestand das Internet einmal aus unzähligen kleinen Blogs, Webseiten und Foren, die man oft sogar durch das händische Eingeben einer URL ins Browserfenster erreichte. Dann kamen die großen Plattformen, und eine Studie von 2015 belegt, was viele Pioniere des alten Internets schon geahnt hatten: Für viele Menschen heute sind “das Internet” und die Plattformen ein und dasselbe geworden.

Nach langer Pause gibt es wieder mehr Bewegung im Markt

Lange Zeit schienen die großen Plattformen unbesiegbar - wenn es mal etwas gab, was ernsthaft zur Konkurrenz hätte werden können, wie etwa WhatsApp oder Snapchat, wurden die Wettbewerber gekauft oder kopiert. Auch im Media Lab zeigte sich diese Vormachtstellung der Monopolisten. In den Bewerbungen für unsere Förderprogrammen waren Ideen für eine Plattform einige Jahre rar. Vielmehr waren Startups, die sich mit künstlicher Intelligenz beschäftigen, Datenverarbeiter und Content-Startups vertreten.

Inzwischen haben sich die Dinge geändert. Der Ruf der Monopolisten, besonders von Facebook Meta ist nachhaltig ruiniert, und mit TikTok hat eine neue Plattform gezeigt, dass es immer noch möglich ist, den Markt neu zu definieren. Und auch an den Programmbewerbungen im Media Lab zeigt sich: Der Optimismus bei jungen Gründer:innen steigt - mehr machen sich daran, die Art, wie wir Inhalte konsumieren und Informationen verarbeiten, mit eigenen Plattformen zu beeinflussen.

Warum Artikel immer nur lesen?

Da wäre zum Beispiel die Frage, warum wir den Content sehen, den wir sehen. Viele Entwicklungen in diesem Bereich sind davon angetrieben, was auf Facebook oder Google gerade gut “funktioniert” - welche Inhalte die Algorithmen also mit Aufmerksamkeit durch Nutzer:innen belohnen. Das betrifft die Inhalte selbst (Katzenvideos laufen besser als Nachrichtensendungen), aber auch die Form: Text ist nach wie vor der Standard in den meisten Interaktionen im Netz.

Wolf Weimer ist ein Gründer, der versucht, sich von den Verpflichtungen der Algorithmen zu lösen. Im Media Startup Fellowship arbeitet er an der Audio-Plattform Articly. Anstatt in den Timelines der Welt mit immer neuen Texten und Videos bombardiert zu werden, steht bei ihm Audio im Vordergrund - und zwar kompromisslos. “Mehr und mehr Menschen integrieren Audioformate wie selbstverständlich in ihren Alltag”, sagt Wolf. “Wir hören Radio zur Unterhaltung, lassen uns von Podcastern bequatschen und meditieren sogar mit Audioinhalten - höchste Zeit, dass wir uns die besten Zeitungsartikel auch übers Ohr zu Gemüte führen.”

Articly

Mit Articly hat der PwC-Startup-Experte Wolf Weimer sein erstes eigenes Startup gegründet: Zeitungsartikel namhafter Partner wie WELT, Süddeutscher Zeitung oder Guardian werden von professionellen Sprecher:innen in Hörbuchqualität vertont.

Echte Stimmen sind besser als Computerstimmen

Trotz aller Nachrichten-Podcasts setzen viele Nutzer auf die originären Inhalte aus bewährten Zeitungen und Magazinen. Nur die Darbietungsform ändert sich zunehmend. Einzelne Verlage experimentieren mit automatisierten Text-to-Speech-Verfahren, doch für Wolf ist die menschliche Stimme besonders wichtig: “Meistens hört man den Unterschied zwischen einer Computerstimme und einer menschlichen Stimme noch sehr deutlich. Und menschliche Stimmen haben einen emotionalen und sozialen Aspekt, der Computern fehlt und gerade für den Journalismus sehr wichtig ist.

Und auch aus einem weiteren Grund ist Audio eigentlich das perfekte Medium für Zeitungsartikel: Von einem gelesenen Text merkt man sich Studien zufolge etwa 10 Prozent - aber man merkt sich 20 Prozent der Dinge, die man hört. Eine Audio-Plattform ist deshalb ein Schritt in Richtung einer Welt, in der wieder Menschen wieder stärker selbst entscheiden können, welche Inhalte sie rezipieren wollen - Text, Audio oder Video. Sie kann sogar dabei helfen, aus den Informationen, die wir aufnehmen, mehr zu machen und mehr zu behalten. Und all das geht sogar nebenbei, sodass man die Hände frei hat für andere Dinge.

Mehr aus Inhalten machen

Die Art, wie wir Informationen finden und wahrnehmen, ist ebenfalls stark von Plattformen geprägt. Ein guter Grund für ein weiteres Plattform-Startup im Media Lab, diesen Umgang mit Informationen noch einmal neu zu denken. Bei Mindpalace geht es nicht darum, Formate oder Medienformen zu verändern, sondern stattdessen darum, mehr aus all den Inhalten herauszuholen, die wir tagtäglich sehen.

Mindpalace

Mindpalace will als “zweites Gehirn” der Nutzer:innen funktionieren. Das Startup der Gründer Yannik Wojcicki und Luke Haliburton bietet dafür eine Plattform, auf der relevante Inhalte aus verschiedensten Quellen gespeichert werden können. Aus diesen Daten entwickelt Mindpalace nicht nur persönliche Empfehlungen, sondern es verarbeitet sie auch und bereitet sie so auf, dass Nutzer:innen immer wieder zur Interaktion aufgefordert werden. Das Ziel: Inhalte nicht nur überfliegen, sondern sich mehr merken, und mehr lernen.

„Die Facebook-Timeline war am Anfang eine super Idee“, findet Luke, einer der Gründer von Mindpalace. Inzwischen sei sie aber zu sehr beherrscht von Algorithmen und biete Nutzer:innen zu wenige Steuerungsmöglichkeiten. Mindpalace versteht er als Gegenentwurf: Es geht um eine tiefe Auseinandersetzung mit Informationen statt schneller Kost, kuratierte Empfehlungen sollen die Bubbles aufbrechen statt bilden und Offenheit gegenüber Informationen gefördert werden.

„Metas Ziel ist es, die Leute möglichst lange auf derselben Plattform zu halten“, so Luke. Bei Mindpalace können dagegen Inhalte aus den verschiedensten Quellen gespeichert werden. Aus Blogs, von Nachrichtenseiten, von YouTube oder natürlich auch von Facebook. Und sogar Bücher und andere analoge Inhalte sollen sich perspektivisch abbilden lassen. „Wir sehen einen Trend in der Branche, Informationen immer noch weiter zu komprimieren“, sagt Luke und bezieht sich dabei zum Beispiel auf Blinkist, die Bücher in handliche Info-Happen aufbereiten. „Das ist alles super und hat seinen eigenen Wert, aber wir wollen trotzdem auch eine Alternative zu diesem Trend anbieten“.

Kontrolle an die User:innen zurückgeben

Egal ob Articly oder Mindpalace: Beide Startups stehen für einen neuen Optimismus unter innovativen Köpfen im Medienbereich. Facebook und Co. sind nicht mehr unangreifbar - da muss es doch noch was Besseres geben. Und so setzen sich auch (noch) kleine Startups daran, bessere Alternativen zum Umgang mit Information zu schaffen. Letztendlich geht es dabei immer um Auswahl, denn die großen Plattformen werden nicht von heute auf morgen verschwinden. Doch mit etwas Glück werden Nutzer:innen vielleicht bald wieder die Wahl haben, ob sie Inhalte über Social-Media wie etwa Facebook beziehen wollen - oder wieder über Blogs, Foren oder eine ganz neue Plattform.

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