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Media Lab Bayern Newsletter

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30.04.2021

Bring die Filterblasen zum Platzen - das #micmuc21 steht für Austausch und Meinungsvielfalt

Auf dem #micmuc21 trafen sich Vordenker:innen und Mediapioneers, um sich über aktuelle Fragestellungen in der Medienbranche auszutauschen. Durch konstruktive Gespräche und innovative Gedankenspiele entstanden gemeinsame Ansätze für die Zukunft der Medien.

Text: Sabrina Harper
Foto: Media Lab Bayern

 

Ein offener Raum statt Filterblase

Ein Jahr ohne ein media innovation camp des Media Lab – unvorstellbar! Und so fand das Event heute inzwischen zum 6. Mal statt. Gemäß Pandemiesituation natürlich in digitaler Form. Und ganz, wie man das vom Media Lab kennt, gab es was Besonderes. Auf dem #micmuc21 startete eine neue Art der Media-Innovation-Bubble – integrativ, verbindend und lösungsorientiert. Statt lediglich langweilig auf Zoom reinzuschalten, benutzen wir die Plattform Veertly und ein Tool aus unserem aktuellen Startup-Programm namens Saysom. Darauf hat jeder seine eigene Bubble und schließt sich mit anderen Bubbles zusammen. So bringen wir bildlich Echokammern und Filterblasen zum Platzen und es entsteht ein offener Raum voller Austausch und innovativer Ideen. Oder wie der Teilnehmer Frederik schrieb: „Bin etwas verliebt, was die Oberfläche hier angeht“.

Audio Camp Insights

"Wie baut sich ein Podcast am besten auf" und "Wie gestaltet sich eine erfolgreiche Moderation" sind grundlegende Fragen, da viele Medienunternehmen einen Podcast auf die Beine stellen. Das bestätigen auch die Teilnehmenden aus der Verlagsbranche: Der Audioboom spielt eine sehr große Rolle. Ein Teilnehmer ist sich sicher, dass sich in Zukunft bei den Podcasts die Spreu vom Weizen trennen wird. Podcasts müssen ein rundum bedachtes publizistisches Produkt sein. Konsument:innen werden hier auf Qualität setzen. Es steht ebenfalls die Annahme im Raum, dass Podcasts die Weiterentwicklung zu einem natürlichen Gespräch sind. Früher gab es das lineare Medium Radio, dann den Podcast und mit den zusätzlichen Möglichkeiten durch Social Media, wie etwa Clubhouse, kommt es zum Gespräch und es entsteht eine neue Intimität. Ein Teilnehmer ergänzte, Radio hatte auch früher eine Kontaktkomponente zum Zuhörenden, zum Beispiel die Postkarte ins Studio. Er wünscht sich für die Zukunft des Podcasts, dass man sich überlegt, wie eine Uniqueness hergestellt werden kann. Ein Podcast bietet mehr Möglichkeiten als ein reines Gesprächsformat.

Social Camp Insights

Was bedeutet denn Social Video heutzutage?  TicToc und Reels funktionieren zum Beispiel unterschiedlich. Das weiß man auch im bayrischen Innenministerium: Das Videomaterial wird gesichtet und je nach Ausspielmedium extra aufbereitet, berichtet eine Campteilnehmerin. Ganz klassisch bedeutet das, dass der Ein-Minuten-Feed bei Instagram beispielsweise extra bespielt wird. Animierte Grafiken sind auf Instagram ebenfalls ein Thema. Insgesamt fällt jedoch auf, dass Videoproduktion für Social noch zu wenig als eigener Arbeitsbereich gesehen wird. Es sollte viel Wert auf die Bildsprache gelegt werden - eben auch bei Videos. Mal kurz ein Video nebenbei machen, zahlt sich nicht aus.

Die Teilnehmenden sprachen auch über die Erfassung von Daten. Ein großes Problem ist dabei die Vergleichbarkeit von Stats vor und während der Pandemie. Themen, die vor Corona eher mäßig liefen, erlebten während der Pandemie einen regelrechten Aufschwung. Die Stats sind so oder so aber ein guter Richtwert für den Nachrichtenwert einer Story. So kann zum Beispiel die Klickzahl eines online ausgespielten Themas ein gutes Argument dafür sein, die Story auch in Print zu bringen.

"Sind Nischennetzwerke eine Alternative in den Sozialen Netzwerken", war noch der Diskussionsmittelpunkt in der Open Session. Facebook oder LinkedIn in klein nachzuahmen, hat keine Attraktivität. Aber wäre es ein Ansatz, ein bestimmtes Feature aus den bekannten Netzwerken weiterzuentwickeln und daraus ein Nischennetzwerk zu bauen? Ein bekanntes Beispiel dafür, dass es klappt, ist TikTok. Das hat sich die Nische Video geschnappt und ausgebaut.

Öffentlich-Rechtliche Medienanstalten könnten den Vorteil des öffentlichen Raums auf ihrer Seite haben. Facebook ist zwar öffentlich, aber in der Hand von Facebook. Ein öffentlich finanziertes Unternehmen, dass ein Nischennetzwerk zu Verfügung stellt, könnte die Werte der (bezahlenden) Gesellschaft ggf. besser umsetzen und so Attraktivität gewinnen. Ob, diese Theorie in die Praxis umzusetzen ist, bleibt fraglich. Denn gleichzeitig zeigt sich, dass aktuelle User von Facebook&Co. die Richtlinien ja augenscheinlich akzeptieren. Das bestätigt auch ein Redakteur aus einem gebührenfinanzierten Sender. Er sagt: Den Leuten ist es wichtiger, wen sie auf der Plattform treffen als, dass eine digitale Plattform im eigenen Land sitzt und zum Beispiel den Datenschutz sehr genau im Blick hat. Eine Plattform muss einen USP haben, den die Leute wirklich haben möchten.

Paid, Abo & Advertising Camp Insights

Die Medienbranche sucht nach neuen Geschäftsmodellen. Gleichzeitig kommen mobile Bezahlmöglichkeiten, wie Apple Pay, Google Pay und Co., noch oftmals zu kurz. Rechnungen und lange Abowege werden von Konsument:innen nicht mehr toleriert. Einen Grund für die langsame Implementierung von Zahlungsalternativen in Verlagen könnte laut einer Teilnehmerin darin liegen, dass Drittanbieter eine Gebühr erheben und das in der Marge nicht enthalten ist. Ein Abo müsste immer über das Smartphone abgeschlossen werden können, ist sich die Talkrunde einig. Alles andere ist zu langwierig und kompliziert.

Allerdings gibt es Unterschiede für Bezahlmodelle im Allgemeinen in den Zielgruppen. Für Student:innen macht Micropayment evtl. Sinn, da ein Abo recht teuer sei. Das kann aber auch eine Diskrepanz zur Membership darstellen. Dabei wurde auf eine Publikation des VDZ verwiesen. Erstens sei ein einzelner Artikel keine journalistische Leistung und zweitens seien die Micropayments in der Verwaltung sehr kostenintensiv.

»Die Community reagiert eher auf Werbung«

Redaktionelles Marketing ist ein weiteres Thema in den Medienhäusern. Was früher noch als einzelne Abteilung gehandhabt wurde, soll nun zusammenwachsen, aber gleichzeitig soll auch weiterhin eine saubere Trennung zwischen redaktionellen und werbenden Inhalten stattfinden. Redakteure und Redakteurinnen stehen so unter Druck: Ihre Inhalte sollen neue Digital-Abo-Kunden ziehen und die Themenauswahl fällt dadurch unter eine erweiterte Themenbewertung. Läuft das Thema online nicht gut, dann braucht es etwas, das mehr Klicks bringt. Denn Klicks liefern der Anzeigenabteilung ein Verkaufsargument. Um herauszufinden, was Leser:innen wirklich wollen, könnte man eine Art Beirat der Medienkonsument:innen gründen. So entstünden wertvolle Insights. So stellte sich u.a. beispielsweise heraus, dass ein Beitrag vielleicht im Hinblick auf die Klickzahlen im Ranking tiefer liegt, gleichzeitig es sich bei den Konsumenten aber um Hardcore-Nutzer:innen handelte. Diese waren beispielsweise zugänglicher für Werbung. Das ist eine wichtige Erkenntnis für Sponsered Content.

Affiliate ist eine Möglichkeit für Erlöse, aber rentiert sich gemessen am Aufwand meist kaum. Man sollte es auf jeden Fall testen und gut beobachten, ob es sich wirklich lohnt. Kooperationen zwischen Verlagen, bei denen beide Seiten partizipieren und die auf die Kundenbedürfnisse ausgerichtet sind, können eine bessere Alternative sein.

Product Innovation Camp Insights

Die Teilnehmenden berichteten über die Vorteile und Tücken, wenn man KI einsetzt. Beispielsweise werden Algorithmen zur Bilderkennung eingesetzt, um verfassungsfeindliche Bilder auf Facebook zu identifizieren oder um Sportstatistiken zu automatisieren. Bei der Transkription mangelt es bisher noch an ausreichend Trainingsmaterial. Denn es mache schon einen Unterschied in der Sprache. Heißt es beispielsweise korrekt “Menschen mit Behinderung” oder “Behinderte”. Das aktuelle Trainingsmaterial für KIs ist sprachlich nicht durchgehend korrekt und so entstehen Sprachbilder, die ggf. nicht mehr der politischen Korrektheit entsprechen.

Auch neue Technologien für Bezahlsysteme sind Thema. Kryptowährung wäre eine Option, bietet aktuell aber keinen Vorteil zum Beispiel gegenüber PayPal. Daher gibt es momentan keine Relevanz, eine Bezahlmethode für Kryptowährung anzubieten. Eine weitere Einnahme können Daten sein. Das System wird von Teilnehmenden als smart bewertet. Leser:innen können wählen, ob sie ein Bezahl-Abo abschließen oder stattdessen Fragen beantworten. Zum Beispiel kooperiert das Medienunternehmen mit einem Autohersteller. Nutzer:innen beantworten dann spezifische Fragen, wie etwa: “Welches Auto fahren sie und warum?”. Die Daten werden dem Autohersteller dann zur Verfügung gestellt. 

»Medienunternehmen fehlt der Mut«

Ein kreativer Vorschlag kommt von einem weiteren Teilnehmer. Und zwar, dass Coca Cola die lokale Berichterstattung fördern könnte. Denn die Lokalpresse hat meist keine Werbeverträge mit Coca Cola und deshalb besteht keine Abhängigkeit. Gleichzeitig profitiert die Getränkemarke. Denn durch die Lokalpresse entsteht der Kontakt zu mittelständischen Betrieben, zum Beispiel dem Dachdecker oder dem Malerbetrieb. Der Getränkehersteller hätte so einen neuen Kanal der Kundenansprache aufgestellt.

Das Hauptproblem für die zurückhaltende Umsetzung in der deutschen Medienbranche ist der fehlende Mut, Dinge auszuprobieren, heißt es im Camp. Die angedachte Bundesförderung ging dabei auch an der Sache vorbei. Doch der Grundsatz war richtig, denn Medienunternehmen suchen Sicherheit, um dann neue Dinge zu testen.

Leadership & Culture Insights

Es gibt keine Zeit für Innovationsprozesse - das war ein Hauptproblem bei den Campteilehmer:innen. Doch was sind Methoden, um das Team zu befähigen, neue Produkte zu erfinden und umzusetzen? Hier kommt Design Thinking ins Spiel. Es braucht dazu eine klare Mission, sagen die Teilnehmer:innen. Klar kann man sich auch am Wettbewerb orientieren, aber eigentlich möchte man selbst der Vorreiter bzw. die Vorreiterin sein. Business Canvases könnten intern auch auf andere Bereiche übertragen werden, seien es Content-Formate oder die Eventplanung. Und auch externe Dienstleiter:innen spielen eine Rolle. Diese helfen, den Fokus zu stärken und ein Projekt wirklich zu verfolgen.

"Sind agile Teams denn immer die bessere Variante", fragte ein Teilnehmer. Gerade in der Krise habe er hören müssen: Selbstorganisation - das funktioniere nicht. Er habe den Eindruck, dass Top Down deshalb wieder an Relevanz gewinne. Es kommt auf das Team an, ist die kollektive Antwort. Denn wenn noch keine Strukturen und Werte etabliert sind, dann kann ein Team auch nicht wirklich agieren. Es ist aber auch so, dass Führungskräfte, die einen „Kontrollwahn“ haben, in der Pandemie ziemlich verloren sind. Die Wahrheit liegt also irgendwo dazwischen. Teams benötigen einen Kompass, der ihnen die Richtung aufzeigt. Deshalb sind selbstorganisierte Teams und Führung kein Gegensatz. Dieser Kompass muss aber nicht aus „den 10 Geboten“ bestehen, ein werteorientierter Ansatz kann eine bessere Alternative sein.

So entstehen Freundschaften: Coffee-Talk und gemeinsam gelacht

Ein wichtiger Faktor des #micmuc21 ist der gemeinsame Austausch, um die Medienbranche voranzubringen. Deshalb geht es auch immer ums Vernetzen. Gerade im Gespräch entstehen die besten Ideen. Dafür konnten die Teilnehmer:innen sich nicht nur in ihrem spezifischen Camp austauschen, sondern auch in diversen Network Areas. Gemeinsam diskutiert wurde beispielsweise an der Coffee Bar und gemeinsam gelacht in der Meme Corner.

Foto: Media Lab Bayern

Foto: Media Lab Bayern

Und das sagt die Statistik

Nach 240 Minuten Austausch war das 6. media innovation camp schon wieder vorbei. Viele Learnings sind geblieben, tolle Kontakte entstanden und es war ein außerordentlicher Yeah-Friday - hoffentlich auch für euch!

Foto: Media Lab Bayern

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