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Abschlussarbeiten im Media Lab | 08.01.2026

Wenn Nachbarschaft zur Redaktion wird

Was passiert, wenn lokale Geschichten nicht durch Klickzahlen, sondern durch echte Menschen entschieden werden? In meiner Bachelorarbeit bin ich in Dortmunds Nordstadt eingetaucht und habe gelernt, warum Bürgerjournalismus klassischen Redaktionen nicht nur Konkurrenz macht, sondern sie sogar besser machen kann.

Die journalistische Parallelwelt des Bürgerjournalismus

Bürgerjournalismus wird oft belächelt: engagiert, ehrenamtlich, lokal – aber eben nicht „richtig“ professionell. Genau diese Haltung hat mich interessiert. Denn während etablierte Medien zunehmend unter ökonomischem Druck stehen, entstehen parallel journalistische Projekte, die bewusst anders funktionieren.

Klassischer Journalismus muss sich rechnen. Anzeigen, Abos, Reichweite – all das beeinflusst, welche Themen es in die Berichterstattung schaffen. Das führt nicht automatisch zu schlechter Arbeit, aber zu klaren Prioritäten. Und diese Prioritäten bedeuten oft: Themen, die sich schlecht verkaufen lassen, rutschen nach unten. Stadtteilpolitik, soziale Initiativen, migrantische Perspektiven oder ehrenamtliches Engagement tauchen dann höchstens punktuell auf.

Bürgerjournalistische Projekte setzen genau hier an. Sie definieren Relevanz nicht über Marktwert, sondern über gesellschaftliche Bedeutung. Das macht sie nicht neutral oder objektiver – aber anders.

Die Dortmunder Nordstadt als journalistischer Ausgangspunkt

Die Nordstadt ist ein Stadtteil, über den viel gesprochen wird – selten von denen, die dort leben. Genau das macht die Nordstadtblogger interessant. Sie berichten über den Stadtteil nicht aus der Distanz, sondern aus der Nähe. Und Nähe verändert Journalismus.

Statt der Frage „Was interessiert viele?“ steht häufiger die Frage im Raum: „Was betrifft die Menschen hier?“ Das können große politische Themen sein, aber genauso kleine lokale Konflikte, persönliche Geschichten oder kulturelle Ereignisse, die in klassischen Medien kaum Platz finden.

Die Website zeigt die Themenvielfald der Nordstadt Blogger: Die Ressorts reichen von Sozial bis Freizeit.
Die Website der Nordstadtblogger: Beiträge entstehen hier teilweise aus themenspezifischem Fachwissen von Ehrenamtlichen ohne berufsjournalistischen Hintergrund.

Mich fasziniert, dass Bürgerjournalismus hier nicht als Ersatz für professionelle Berichterstattung gedacht ist, sondern als Ergänzung. Als eine zusätzliche Öffentlichkeit, die Dinge sichtbar macht, bevor sie statistisch relevant werden.

Thematische Vielfalt – Anspruch und Realität

Ein zentrales Stichwort meiner Arbeit war die thematische Vielfalt. Klingt erstmal positiv und abstrakt. In der Praxis ist Vielfalt aber kein Selbstläufer. Sie entsteht nicht automatisch, nur weil ein Projekt offen ist oder ehrenamtlich arbeitet.

Bei den Nordstadtbloggern zeigt sich: Themenvielfalt entsteht vor allem durch die Menschen, die schreiben. Persönliche Erfahrungen, biografische Hintergründe und individuelle Interessen prägen, worüber berichtet wird. Wer selbst Migration erlebt hat, setzt andere Schwerpunkte als jemand, der aus der Stadtteilpolitik kommt oder aus der klassischen Medienarbeit.

Das ist eine große Stärke – aber auch eine Schwachstelle. Vielfalt hängt stark an einzelnen Personen. Wenn sie aus Zeitmangel aufhören oder ausfallen, verschwinden oft auch ihre Perspektiven. Bürgerjournalismus ist damit sehr dynamisch, aber auch fragil.

Bürgerjournalismus und Macht

Ein Punkt, über den ich viel nachgedacht habe, ist Macht. Auch Bürgerjournalismus ist nicht machtfrei. Auch hier wird entschieden, welche Themen wichtig sind, welche liegen bleiben und welche Perspektiven Gehör finden.

Der Unterschied: Diese Entscheidungen sind oft weniger institutionalisiert. Sie entstehen aus Alltag, Verfügbarkeit, Motivation – und manchmal schlicht aus Zeitnot. Das kann zu überraschender Vielfalt führen, aber auch dazu, dass „übrig gebliebene“ Themen immer bei denselben Personen landen.

Gerade darin wird sichtbar, dass Bürgerjournalismus nicht romantisiert werden sollte. Er ist kein utopischer Raum ohne Hierarchien, sondern ein Arbeitskontext mit sehr realen Grenzen.

Ehrenamt zwischen Idealismus und Überforderung

Ein zentraler Spannungsraum im Bürgerjournalismus ist das Ehrenamt. Auf der einen Seite ermöglicht es Unabhängigkeit von kommerziellen Zwängen. Auf der anderen Seite begrenzt es, wie kontinuierlich, planbar und belastbar journalistische Arbeit sein kann.

Zeitmangel ist dabei kein individuelles Problem, sondern strukturell. Wer neben Job, Studium oder Care-Arbeit recherchiert, schreibt und redigiert, stößt schnell an Grenzen. Das wirkt sich direkt auf Themenwahl, Tiefe und Aktualität aus.

Hinzu kommen organisatorische Fragen: Wer koordiniert? Wer trägt Verantwortung? Wie wird Qualität gesichert, wenn nicht alle journalistisch ausgebildet sind? Diese Fragen sind im Bürgerjournalismus besonders sichtbar – aber sie existieren auch im professionellen Journalismus, nur oft besser abgefedert.

Anerkennung, Sicherheit und fehlende Strukturen

Ein weiterer Aspekt, der mich beschäftigt hat, ist die äußere Anerkennung. Bürgerjournalist:innen arbeiten öffentlich, recherchieren kritisch und greifen mitunter heikle Themen auf – oft ohne institutionellen Schutz. Fehlende Presseausweise, unsichere rechtliche Rahmenbedingungen und Fragen der persönlichen Sicherheit sind reale Herausforderungen.

Gerade bei Berichterstattung über Rechtsextremismus, soziale Konflikte oder wirtschaftliche Interessen wird deutlich, wie verletzlich ehrenamtliche Strukturen sind. Genauso wird klar: Bürgerjournalismus funktioniert nicht nur mit Engagement und guter Absicht – er braucht Unterstützung und verlässliche Strukturen.

Auf dem Plakat steht "Nordstadt gegen Nazis. Solidarität verbindet."
Ein Plakat im öffentlichen Raum der Nordstadt positioniert sich gegen Rechtsextremismus – ein Beispiel dafür, wie politische Haltung sichtbar wird, oft ohne institutionelle Absicherung derjenigen, die darüber berichten.

Das Verhältnis zu etablierten Medien

Spannend ist auch das Verhältnis zwischen Bürgerjournalismus und klassischen Medien. Es ist kein reines Gegeneinander. Vielmehr gibt es Überschneidungen, Beobachtung, manchmal auch Übernahmen von Themen.

Bürgerjournalistische Projekte fungieren dabei häufig als Korrektiv: Sie setzen andere Schwerpunkte, erzählen Geschichten anders und nehmen sich mehr Zeit für Perspektiven, die im Tagesgeschäft untergehen. Gleichzeitig werden sie von etablierten Medien wahrgenommen – manchmal als Ideengeber, manchmal als Nachwuchsschmiede.

Das zeigt: Bürgerjournalismus ist kein isoliertes Paralleluniversum, sondern Teil der Medienlandschaft. Allerdings ein Teil, der andere Spielregeln sichtbar macht.

Warum Bürgerjournalismus gerade jetzt relevant ist

In Zeiten sinkenden Medienvertrauens und fragmentierter Öffentlichkeiten stellt sich die Frage, wer Öffentlichkeit überhaupt noch herstellt. Bürgerjournalismus bietet darauf keine einfache Antwort – aber einen wichtigen Hinweis: Öffentlichkeit entsteht auch dort, wo Menschen Verantwortung für ihre eigenen Themen übernehmen.

Gerade lokale und hyperlokale Projekte zeigen, dass Journalismus nicht zwangsläufig groß, schnell oder profitabel sein muss, um Wirkung zu entfalten. Wirkung kann auch heißen, dass sich Menschen gesehen fühlen, dass Diskussionen entstehen oder dass Missstände nicht übersehen werden.

Meine Bachelorarbeit war keine Liebeserklärung an Bürgerjournalismus. Sie war eine Auseinandersetzung mit seinen Potenzialen und seinen Grenzen. Bürgerjournalismus kann Vielfalt fördern, aber nicht garantieren. Er kann Nähe schaffen, aber auch überfordern. Er kann Lücken schließen, aber strukturelle Probleme nicht allein lösen.

Gerade deshalb ist er spannend. Nicht als Ersatz für professionellen Journalismus, sondern als Spiegel. Er zeigt, was möglich wird, wenn Themen nicht primär nach Marktlogik sortiert werden – und was fehlt, wenn strukturelle Unterstützung ausbleibt.

Wenn Nachbarschaft zur Redaktion wird, entsteht kein perfekter Journalismus. Aber ein anderer. Und manchmal ist genau das entscheidend.

Chimène hat nun das Förderprogramm für Abschlussarbeiten durchlaufen. Du hast auch ein spannendes Thema? Melde dich bei uns!

Artikel written by

Chimène Goudjinou

Chimène hat Journalismus und Public Relations an der Westfälischen Hochschule in Gelsenkirchen studiert – und ist dabei ziemlich schnell dort gelandet, wo Journalismus nicht nur Theorie ist, sondern Alltag. Durch ihre Arbeit bei den Nordstadtbloggern, im Rahmen des Pilotprojekts „Redaktion in Vielfalt – für mehr Diversität im Journalismus“, hat sie erlebt, wie anders Berichterstattung aussehen kann, wenn Nähe, Perspektiven und Engagement im Mittelpunkt stehen. Dass daraus am Ende eine Bachelorarbeit über Bürgerjournalismus wurde, war weniger strategische Planung als eine logische Folge von Neugier, Diskussionen – und sehr vielen Gedanken über Medien, Macht und Sichtbarkeit.

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