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Abschlussarbeiten im Media Lab | 25.02.2026

Journalist*innen schützen, Pressefreiheit sichern

Ein junger, engagierter Reporter sagt über seine Arbeit auf Demonstrationen: „Den Job an sich möchte ich weitermachen, gerne mit mehr Sicherheitsunterstützung. Wenn aber nichts passiert, werde ich das nicht mehr machen können.“ Deutsche Medienhäuser sollten sich da fragen: Was genau muss sich ändern – und warum ist das so dringend?

Angriffe auf Journalist*innen

Journalist*innen in Deutschland werden vor allem seit 2020 vermehrt bedroht. Allein die Zahl der tätlichen Angriffe auf Medienschaffende ist seitdem auf einem kontinuierlich hohen Niveau. Die Studie Feindbild Journalist:in des Europäischen Zentrums für Presse- und Medienfreiheit erfasste im Jahr 2019 noch 14 physische Angriffe. 2020 ist die Zahl rapide auf 69 und 2024 sogar auf 98 gestiegen.

Noch viel häufiger sind Medienschaffende verbalen Bedrohungen ausgesetzt – sowohl im digitalen Raum als auch außerhalb davon. Ausdrücke wie „Lügenpresse“, „Journalistenschwein“ oder „mit euch spreche ich nicht, ihr seid alle Terroristen“, gehören für viele inzwischen zum Alltag. Journalist*innen werden persönlich beleidigt, öffentlich diffamiert und zum Teil auch mit Morddrohungen drangsaliert. Beispielsweise geht aus der Studie Burning (out) for journalism der LMU München hervor, dass über die Hälfte der dort befragten Journalist*innen mindestens einmal Ziel von verbalen Bedrohungen im digitalen Raum waren und 44 Prozent solche Anfeindungen auch bereits außerhalb des Internets erlebten.

Sowohl physische Angriffe als auch verbale Bedrohungen erfahren vor allem Medienschaffende, die von Demonstrationen berichten oder zu Rechtsextremismus recherchieren.

Von Bedrohungen über Selbstzensur zu blinden Flecken

Solche Belastungen können dazu führen, dass Medienschaffende bedrohliche Termine meiden, zu bestimmten Themen nicht mehr recherchieren, oder sogar darüber nachdenken, ihren Job in der Form nicht mehr auszuüben. Meine Gespräche mit acht Journalist*innen, die sich in ihrer Arbeit entweder auf Berichterstattung über Rechtsextremismus oder über Demonstrationen spezialisiert haben, ergaben: Fast die Hälfte hat bereits darüber nachgedacht, das Themenfeld zu wechseln oder sich gefragt, wie lange sie die Bedrohungen noch aushalten können. Eine Journalistin hat sich bereits dazu entschieden, keine Demonstrationsberichterstattung mehr zu machen und auch Nazi-Recherchen vor der eigenen Haustür sein zu lassen. Die Angst sei zu groß geworden – ein Preis, den sie für ihren Job nicht zahlen wolle.

Entwicklungen wie diese schränken nicht nur die betroffenen Journalist*innen selbst ein, sondern gefährden auch die Pressefreiheit in Deutschland. Sehen sich Medienschaffende nicht mehr genügend geschützt, um ihren Beruf vollumfassend ausüben zu können, können blinde Flecken in der Berichterstattung entstehen. Aus der Studie Feindbild Journalist:in geht hervor, dass auf dem sächsischen Land diese Entwicklung bereits voranschreitet. Aus Angst, angegriffen zu werden, berichten Journalist*innen immer weniger über rechtsextreme Akteur*innen, wodurch wiederum eine rechtsextreme Raumnahme erleichtert wird.

Deshalb ist es wichtig, dass Medienschaffende geschützt werden. Neben staatlichen Stellen tragen vor allem die Medienhäuser eine Verantwortung dafür, dass ihre Mitarbeiter*innen ihren Beruf sicher ausüben können. Zwar haben einige von ihnen in den letzten Jahren auf die erhöhte Bedrohungslage reagiert, dennoch fordern Verbände, Organisationen und einzelne Journalist*innen, immer wieder, dass diese Maßnahmen weiter ausgebaut werden. Wie zu Beginn bereits beschrieben: Es muss etwas passieren, damit Journalist*innen auch in Zukunft über alle Missstände berichten können.

Im Gespräch mit den Journalist*innen konnte ich konkrete Handlungsanweisungen für die Medienhäuser erarbeiten. Vorneweg: Auffallend ist, dass auch Unterstützungsangebote, die für Medienhäuser weder zeitlich noch finanziell aufwändig sind, häufig noch nicht umgesetzt werden.

Was Medienhäuser jetzt leisten müssen

Ein zentraler Wunsch ist eine höhere Sensibilisierung für die Bedrohungslage. Führungskräfte müssen verstehen, welchen Gefahren ihre Mitarbeiter*innen potenziell ausgesetzt sind, und sollten aktiv den Austausch suchen. Die Journalist*innen wünschen sich, vor potenziell gefährlichen Terminen beispielsweise gefragt zu werden, wie es ihnen geht und ob sie noch etwas benötigen. Ergänzend empfinden sie es als wertschätzend, wenn nach den Terminen ein Debriefing stattfindet a la: Was hast du erlebt und bist du gut nach Hause gekommen?

Hilfreich finden sie auch regelmäßige Fortbildungen und Sicherheitsworkshops, um zu lernen, welchen Gefahren sie sich bei bestimmten Recherchen aussetzen, welche Rechte sie dabei haben, wie sie sich in bedrohlichen Situationen verhalten können und welche Maßnahmen ihnen ihr Medienhaus vor und nach einer Bedrohung anbietet. Vor allem unerfahrene Journalist*innen müssen hier stärker unterstützt werden.

Außerdem ist es wichtig, dass Journalist*innen, die angegriffen werden, vollumfänglich und ohne Diskussion juristische Unterstützung erfahren – auch wenn ein Angriff außerhalb der Arbeitszeit und vermeintlich im privaten Umfeld stattgefunden hat. Denn auch solche Angriffe sind in der Regel eine Reaktion auf die journalistische Tätigkeit, die sie für ihr Medienhaus ausüben.

Auch niedrigschwellige psychosoziale Beratungsstellen oder Gesprächsformate sollten allen Mitarbeiter*innen transparent zur Verfügung stehen. Dabei können geschulte Kolleg*innen auch als Vertrauenspersonen fungieren. Im besten Fall unterstützen die Medienhäuser ihre Mitarbeiter*innen auch bei der Suche nach einer externen Psychotherapie.

Ein schwieriges Thema ist das Sicherheitspersonal: Viele Journalist*innen gehen ungern mit Sicherheitspersonal auf Termine, weil sie dadurch sofort erkennbar sind, Distanz zu den Menschen vor Ort entsteht und es oft auch als Provokation wahrgenommen wird. Dennoch sollten alle Journalist*innen auf Wunsch Sicherheitspersonal – oder anderweitige Unterstützung – zu potenziell gefährlichen Termine mitnehmen dürfen. Das körperliche Wohlergehen der Medienschaffenden sollte im Zweifel immer über dem Ergebnis der Recherche stehen.

Und weil es nicht oft genug gesagt werden kann: Der Umgang mit freien Journalist*innen unterscheidet sich noch zu häufig von dem mit Festangestellten. Freie Medienschaffende sollten aber natürlich Zugang zu denselben Sicherheitsmaßnahmen erhalten wie ihre festangestellten Kolleg*innen.

Alina hat nun das Förderprogramm für Abschlussarbeiten durchlaufen. Du hast auch ein spannendes Thema? Melde dich bei uns!

Artikel written by

Alina Haynert

Alina Haynert hat was mit Medien, Politik und Journalismus in Halle und Leipzig studiert. Während ihrer Arbeit als Researcherin für die Studie Feindbild Journalist:in hat sie sich gefragt, wie geschützt sich Journalist*innen in Deutschland eigentlich fühlen. Daraus entstand das Thema ihrer Masterarbeit. Nach verschiedenen Praktika und freier Mitarbeit beim MDR ist sie jetzt als Jahrestrainee in verschiedenen Redaktionen von Radio Bremen unterwegs.

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