Abschlussarbeiten im Media Lab | 17.12.2024
Erwerbslose und das Potenzial konstruktiver Berichterstattung

Faulenzertum, Sozialschmarotzertum, Drückebergerei – die Berichterstattung über Erwerbslose strotzt oft nur so vor negativen Zuschreibungen. Dass solche Darstellungen problematisch oder stigmatisierend sein können, liegt auf der Hand. Trotzdem greifen Medien wie die BILD auf sie zurück. Doch was passiert, wenn man die Perspektive wechselt und stattdessen konstruktiv berichtet?
Warum dieses Thema?
Bereits während der Hartz-IV-Reformen nutzte bild.de bestimmte Narrative, um Einzelpersonen, Stichwort Arno Dübel, als „freche Arbeitslose“ zu stigmatisieren. Diese Narrative reduzieren strukturelle und komplexe Phänomene auf individuelle Defizite und verschieben den Fokus hin zu einer vermeintlich moralischen Schwäche der Betroffenen. Dadurch werden gesellschaftliche Debatten polarisiert und Lösungen erschwert. Mit der Einführung des Bürgergeldes Anfang 2023 intensivierte sich die mediale Berichterstattung über Erwerbslose erneut. Und wieder beeinflussten gerade Boulevardmedien wie bild.de mit ihrer hohen Reichweite die öffentliche Meinung. Dabei gibt es durchaus Alternativen zur Problem-zentrierten Berichterstattung.
Konstruktiver Journalismus: Vom Problem zur Perspektive
Der konstruktive Journalismus möchte die Berichterstattung um die Perspektive ‚Was nun?‘ erweitern: Neben der Darstellung von Missständen soll er also auch mögliche Lösungsansätze beschreiben. Befürworter*innen schreiben ihm das Potenzial zu, das Vertrauen in Medien zu stärken und öffentliche Debatten konstruktiv zu fördern.
Mehr zum konstruktiven Journalismus und seinen Effekten hat Barbara Maas in diesem Blogbeitrag ausführlich zusammengefasst:
Meine Forschung zu konstruktivem Journalismus
Meine Untersuchung sollte prüfen, welches Potenzial der konstruktive Journalismus bei dem Thema ‚Erwerbslosigkeit‘ hat. Dazu habe ich Leitfadeninterviews mit einer Gruppe innerhalb der Generation Z geführt:
Ausgangspunkt war ein Artikel auf bild.de, der sich mit der geplanten Erhöhung des Bürgergelds zum Jahresbeginn 2024 beschäftigt. Im Vordergrund des Artikels steht die Kritik am Bürgergeld-System: Es dulde ‚Faulenzer‘, habe den Kreis der Leistungsberechtigten zu groß gezogen und die Erhöhung zum Jahresanfang 2024 werde nie mehr zurückgenommen. Der Fokus liegt auf der reinen Problemdarstellung.
Diesen Artikel habe ich nach den Prinzipien des konstruktiven Journalismus umgeschrieben. Die neue Fassung verzichtet auf wertende Sprache, beinhaltet mehr Stimmen und ergänzt konkrete Lösungsansätze – etwa Bildungsprogramme, gezielte Förderung und strukturelle Verbesserungen im Sozialsystem.
Die originale und die redigierte Version habe ich anschließend einer gleich großen Gruppe von Teilnehmenden vorgelegt und in qualitativen Interviews ihre Rezeption untersucht. Die Fragen orientierten sich an den von Befürworter*innen des konstruktiven Journalismus betonten Effekten: Etwa gesteigertes Interesse, Vertrauen in Medien, Bereitschaft zur Diskussion. Gleichzeitig habe ich die Rezeption von stigmatisierender und abwertender Berichterstattung abgefragt.
Ergebnisse: Chancen und Grenzen des konstruktiven Journalismus
Die Ergebnisse sind durchaus vielversprechend. Konstruktiver Journalismus konnte das Interesse an Nachrichten und dem Thema 'Erwerbslosigkeit' steigern sowie das Vertrauen in die Medien stärken. Ebenfalls zeigten die Leser*innen der konstruktiven Version eine erhöhte Bereitschaft zu gesellschaftlicher Debatte.
Allerdings wurde auch deutlich, dass der konstruktive Journalismus kein Allheilmittel ist: Die Unterschiede zwischen beiden getesteten Versionen fielen nicht sehr deutlich aus. Die Bereitschaft, den konstruktiv redigierten Artikel in sozialen Netzwerken zu teilen und ihn dort zu kommentieren, stieg nicht an. Auch eine erhöhte Bereitschaft zu gesellschaftlichem Engagement konnte ich nicht nachweisen.
Zumindest ein Ergebnis fiel aber doch deutlich aus: Eine stigmatisierende Berichterstattung, wie sie teilweise bei bild.de zu finden ist, lehnten nahezu alle Befragten ab.
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