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14. Juli 2020

Smarte Anwendungen für den Wissenschafts-
journalismus?
Daraus wurden die MINT-Mädchen Experimentierboxen

Digitalisierung, Internet der Dinge– Erkenntnis: Die Schule bereitet vor allem Mädchen unzureichend auf die technischen Herausforderungen der Zeit vor. Folge: Dann machen sie das eben selbst.

Ein Gastbeitrag von Alexandra von Knobloch

Im Rahmen des Rocking Science Journalism Fellowships forscht seit Mai dieses Jahres unsere Fellow Alexandra von Knobloch zum Thema Nutzung von IoT und Smart-Home-Anwendungen für den Wissenschaftsjournalismus. Hier stellt sie ihre Ergebnisse vor.

Als ich im Mai meinen ersten Blogpost über mein Rocking Science Journalism Fellowship schrieb, hatte ich das Schlimmste schon hinter mir. Das wusste ich freilich damals noch nicht, darum steht in dem ersten Post der etwas bange Satz: „Ob sich das bewahrheitet?“

Die Rede ist von meiner Annahme, dass Eltern Spaß daran entwickeln könnten, mit ihren Kindern zusammen technisch relativ anspruchsvoll zu experimentieren und dabei smarte Daten in ihrer Umgebung zu erheben – etwa dazu, wie trocken die Erde bei ihnen gerade ist. Dieses gemeinsame Erleben, so meine Hoffnung, könnte abstrakte wissenschaftliche Themen wie den Klimawandel für Familien greifbarer machen – und sie motivieren, sich intensiver mit entsprechenden journalistischen Angeboten  auseinanderzusetzen.

Nutzerverständnis zur brauchbaren Idee

Bis zu dieser Annahme waren schon zwei meiner vorherigen Hypothesen über neue Storytellingansätze im Wissenschaftsjournalismus am Realitätstest gescheitert. Realitätstest hieß in der ersten Phase einer Ideenfindung: Die Bedürfnisse der User besser zu verstehen. Das Mittel der Wahl waren Interviews. Wegen der Corona-Beschränkungen habe ich die Teilnehmenden in Zoom getroffen.

Zunächst habe ich Menschen zum Erzählen animiert, die sich als Liebhaber von Wissenschaftsjournalismus und zugleich als Smart-Home-Nutzer oder Fans des Internet of Things (IoT) geoutet hatten. Vor meinem inneren Auge sah ich sie schon abends im Lümmelsessel ihre persönliche, tägliche Kohlendioxid-Bilanz abrufen, um hinterher interessiert die neuesten Nachrichten über den Klimawandel zu lesen. Schon nach wenigen Gesprächen war klar: So einfach läuft das nicht mit der smarten Animation für Wissenschaftsthemen.

Immerhin, die Interviews erbrachten einige Insights: Erkenntnisse darüber, wie Nutzer ticken, auf die man als Ideenentwickler*in aus der eigenen, beschränkten Perspektive heraus nicht kommt.

Unter anderem kam heraus, dass Kinder für wissenschaftsinteressierte Eltern eine starke Motivation darstellen, sich z.B. beim Klimawandel auf den Laufenden zu halten. Mit solchen Erkenntnissen habe ich mich weitergehangelt und eine neue Hypothese entwickelt: Sie kreiste um Maker und ihre Kinder als Zielgruppe.

Maker sind Menschen, die sich ihre Technikträume selbst erfüllen, indem sie ihre Wunschteile selber bauen. IoT und Smart Home? Damit haben fast alle Maker Erfahrung. Und die Eltern unter ihnen, mit denen ich gesprochen hatte, waren auch alle schon mit ihren Kindern experimentell aktiv. Meine Idee war daher: Diese Leute müssen doch Spaß daran haben, mit ihren Kindern zusammen tiefer in die Welt der Wissenschaft einzutauchen.

Ich bastelte einen ersten sogenannte Pretotype: Ich machte ein paar Fotos von einem „Baukasten“, an dem die Maker mit ihrem Nachwuchs werkeln sollten. „Baukasten“ in Anführungszeichen, denn den Experimentierkasten gibt es nicht. Ich habe ihn mit ein paar echten Gegenständen und Bildausrissen zusammengestückelt und abfotografiert. Die Ernüchterung kam schnell: „Das würde ich nie kaufen“, sagten 3 von 3 befragten Usern.

Das war der schlimmste Moment in diesem Fellowship, von dem ich eingangs gesprochen hatte. Dieses zweite Experiment habe ich an dieser Stelle vorzeitig beendet. Denn glücklicherweise hatten mit die Interviewpartner eine neue Idee geschenkt: 2 von 3 sagten: „Ich würde das nie kaufen, aber ich weiß, wer genau so etwas haben will.“

Die brauchbare Idee im ersten Test

So führte mich der Weg über die Nutzerinterviews zu Müttern, die sich für ihre Töchter einen besseren Zugang zu MINT-Themen wünschen. Ich sammelte ein paar Daten zur Ist-Situation: Am Gymnasium stellen Mädchen die Mehrheit, 53% (Quelle: Statistisches Bundesamt). In akademischen MINT-Berufen arbeiten aber nur zu 15% Frauen (Quelle: MINT-Frühjahrsreport, 2020; Institut der deutschen Wirtschaft). Ich machte eine Blitzumfrage unter Müttern und erfuhr: Viele Frauen wissen um diese Problematik. Es ärgert sie und sie glauben nicht, dass das Bildungssystem dieses Problem löst.

So entstand der MINT-Mädchen Experimentierkasten. Im ersten Pretotype geht es darum, eine automatische Gießanlage für Basilikum zu bauen und die Dosierung des Gießwassers selbst zu programmieren.


Prototyp_Experementierboxen

Die entscheidende Frage dabei: Will so eine Box jemand haben? Nach 5 Interviews mit Müttern und Töchtern hatte ich 5-Mal ein „Ja“ – obwohl ich die Frage so direkt gar nicht gestellt habe. Eine Mutter fragte: „Wo gibt es diese Box? Ich will die kaufen.“ Eine 13-Jährige sagte: „Mir würde das Spaß machen. Ich fände es cool, mit Freunden und der Community drüber zu reden.“

Diese Aussagen haben mich geflasht. Nach meinen anfänglichen Pleiten hatte ich die Hoffnung etwas verloren. Und nie hätte ich geglaubt, dass Leute wirklich solche Bilderbuchaussagen treffen. Übrigens habe ich die Interviewpartnerinnen bewusst auf Umwegen über die Teilnehmerinnen meiner Blitzumfrage bekommen. Es waren alles Unbekannte aus unterschiedlichen Landesteilen.

Für die nächste Testrunde habe ich mein Angebot verfeinert: Aus einem Baukasten wurde eine Serie von Kästen, mit mit verschiedenen Experimenten zum Oberthema Umwelt – und je einer kleinen Programmieraufgabe als weiteres verbindendes Element.

Nächste Schritte

Meine nächste Interviewrunde war zweigeteilt: Erst habe die Basilikum-Boxen vorgestellt und dann, bei grundsätzlich positivem Feedback (das es immer gab), die weiteren Ideen. So habe ich inzwischen aus 20 Interviews zum MINT-Thema jede Menge Anregungen, wie ein erster Prototyp für die Basilikum-Box aussehen sollte. Angefangen von der optischen Anmutung und dem Material der Verpackung bis zu den echten und virtuellen Inhalten. Diesen Prototypen will ich jetzt bauen, testen und weiterentwickeln.

Auch für eine Boxen-Serie gibt es inzwischen jede Menge Themen-Ideen und als Folge mehrere Strategien (Thementiefe vs. Themenvielfalt), die es zunächst als Prototyp zu testen gilt. Alle Ergebnisse meines Fellowships sind qualitativ, aber das ist Teil der agilen Methode. Gerade, weil ich mit meinen Annahmen am Anfang sehr daneben lag, habe ich nun ein gutes Gefühl, mit den MINT-Mädchen-Experimentierkästen einen Bedarf aufgedeckt zu haben – und eine Richtung für die Lösung.


Alexandra von Knobloch

Alexandra von Knobloch ist Innovationsmanagerin und Trainerin für Design Thinking. Dozentin für Print- und Onlinejournalismus. Freiberufliche Journalistin mit Schwerpunkt Medizin, Gesundheit, Wissenschaft. Kam zum Innovationsmanagement als stellvertretende Chefredakteurin Online und langjährige Print-Chefin für ein Publikumsmedium aus dem Gesundheitsbereich. Diplom-Biologin mit journalistischen Wurzeln als Lokalredakteurin bei einer Regionalzeitung.

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