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13.07.2021

Mit Audiotranskription die Reichweite von Podcasts steigern

Du möchtest die Reichweite deines Podcasts erweitern - dann mach Transkripte. Unsere R&D-Alumni Andrea Schöne erklärt, warum sich Transkripte in der Podcast-Szene aus verschiedenen Gründen etablieren müssen.

 

Andrea Schöne ist freie Journalistin, Rednerin und Inklusionstrainerin. Schwerpunktthemen ihrer Arbeit sind Inklusion, Disability Mainstreaming und Barrierefreiheit. Im R&D-Fellowship beschäftigte sie sich damit wie man Podcasts für Menschen mit Hörbehinderung zugänglicher machen kann.

Text: Andrea Schöne
Foto: MLB; Kurt Steinhausen

Wie es zur Vision kam

Während meiner Mitarbeit im Universitätsradio kam mein Interesse am Audio-Journalismus auf und dort erlebte ich die Entwicklung der Branche in Richtung Podcasts. Das vereinte sich später mit meiner Tätigkeit als Coachin über Barrierefreiheit in den Medien. Eines Tages schrieb ich mit einer gehörlosen Person darüber, dass sie keine Podcasts mag, weil sie diese nicht nutzen kann.

Das brauchte mich auf die Idee mich damit zu beschäftigen, wie man Podcasts für Menschen mit Hörbehinderung zugänglich machen kann. Im R&D Fellowship des Media Lab Bayern führte ich Interviews mit User:innen und stieß auf drei Needs:

  • Die Produktionsweisen von Podcasts an hörbehinderte Menschen anzupassen
  • Gebärdensprach-Videos
  • Transkripte

Die meisten Menschen mit Hörbehinderung, mit denen ich bisher gesprochen habe, wünschten sich insbesondere Transkripte zu den Podcasts. Daher suchte ich zunächst dafür eine Lösung. Transkripte sind für Schwerhörige eine Stütze beim Hören und für gehörlose Menschen eine große Hilfe, um die Inhalte zu erfassen. Für gehörlose Menschen in Deutschland ist die Deutsche Gebärdensprache (DGS) ihre Muttersprache. Was man wissen sollte: Im Gegensatz zur Lautsprache und Schriftsprache, sind Gebärdensprachen visuelle Sprachen mit einem eigenen Wortschatz und Grammatik.

Audiotranskription

Setzt sich zusammen aus den lateinischen Wörtern „audio“ (= ich höre), „trans“ (= über) und „scribere“ (= schreiben). Eine Transkription ist die verschriftlichte Form einer Audio- oder Videodatei. Es gibt verschiedene Arten von Transkripten:

  • Lautsprachlich: möglichst nach dem gesprochenen Wort. Behält auch Dialekte, sprachliche Eigenheiten und Füllwörter bei.
  • Vereinfacht: Dialekte, Umgangssprache etc. werden möglichst wortgenau ins Hochdeutsche übertragen. Grammatik, Satzbau und Satzzeichen werden für bessere Lesbarkeit auch nachträglich gesetzt.
  • Zusammengefasst: Wird weniger für wissenschaftliche Arbeit angewandt, aber dient als Niederschrift von Diktaten, Diskussionsmitschnitten und journalistischen Texten. Dient als Zusammenfassung des Gesagten.

Technische und rechtliche Hürde

Die Texte von Transkriptionsprogrammen müssen nachbearbeitet werden, da die Programme Anglizismen, Fachwörter oder Wörter bei undeutlicher Aussprache oft nicht erkennen. Das zeigt sich in einer mangelnden Qualität und es fehlt dazu noch eine Qualitätskontrolle.

Zusätzlich kann ein Programm keine Stimmlagen, Emotionen in einem Gespräch oder Musik wiedergeben. Oftmals werden vereinfachte Transkripte bevorzugt, da sie sich flüssiger und verständlicher lesen lassen. Manche Menschen mit Hörbehinderung haben Pocaster:innen schon nach Transkripten gefragt, da es illegal ist, sich selbst ein Transkript durch Programme zu erstellen. Podcaster:innen sind allerdings häufig Privatpersonen, die aus Kostengründen kein Transkript anbieten.

Welche Lösungsmöglichkeiten gibt es?

Zur Bearbeitung des Transkripts bietet sich am besten eine Kombination aus „Maschine + Mensch = besseres Transkript“ an. Dazu benötigt es eine Community und professionelle Workflows. Zum Aufbau der Community müssen aber rechtliche Fragen zur kommerziellen Nutzung der Transkriptionsprogramme und zur Bezahlung der Community für die Bearbeitung der Transkripte genutzt werden. Die Ansprüche an das Transkript müssen im Austausch mit den Podcaster:innen und Menschen mit Hörbehinderung vereinbart werden.

Wer sind die Zielgruppen bei Audiotranskription?

  • Menschen mit Hörbehinderungen, insbesondere mit (erworbener) Schwerhörigkeit
  • Gehörlose Menschen, die ihr Schriftdeutsch verbessern möchten
  • Neurodiverse Menschen, z.B. Autist:innen oder Menschen mit ADHS
  • Studierende und Mitarbeiter:innen an Universitäten
  • Forschende
  • Medienhäuser aus Funk und Fernsehen
  • Nicht-Muttersprachler:innen zum Spracherwerb

Menschen mit Hörbehinderung

  • Menschen mit Hörbehinderung: Sind schwerhörige und taube Menschen.
  • Gehörlose und taube Menschen werden in der Medizin nach Dezibel (db) definiert. Wer im Bereich zwischen 125 und 250 Hz einen Hörverlust von mehr als 60dB und im übrigen Frequenzbereich von mehr als 100dB hat. Gehörlos und taub sind Selbstbezeichnungen und werden nach persönlichem Belieben genutzt.
  • Schwerhörigkeit: Hochgradige Schwerhörigkeit liegt vor, wenn der mittlere Hörverlust zwischen 70 und 100dB beträgt. Bei Hörverlusten zwischen 85 und 100dB spricht man von „Resthörigkeit“ oder „an Taubheit grenzender Schwerhörigkeit“.

 

Aus Sicht der Gehörlosengemeinschaft wird Gehörlosigkeit nicht über fehlendes Hörvermögen definiert, sondern sprachlich und kulturell. Das Überlegenheitsdenken über die Lautsprache von Hörenden ist ableistisch und wird als Audismus bezeichnet. Gehörlose Menschen kommunizieren überwiegend in Gebärdensprache. Die deutsche Lautsprache und Schriftsprache sind ein eigenes Sprachsystem. Die meisten Schwerhörigen sprechen aber kein DGS, sondern brauchen Schriftdolmetschung oder Transkripte.

(Quelle: Deutscher Gehörlosenbund)

Fast jeder fünfte Bundesbürger braucht Transkripte

Laut dem Deutschen Gehörlosenbund leben etwa 80 000 Gehörlose und nach Angaben des Deutschen Schwerhörigenbundes etwa 16 Millionen Schwerhörige in Deutschland. Über 19 Prozent aller Menschen in Deutschland sind also auf Transkripte angewiesen, um die Inhalte von Podcasts vollständig zu erfassen. In meinen Interviews mit User:innen erzählten mir viele Menschen mit Hörbehinderung, dass sie die Inhalte von Podcasts gerne nutzen würden. Ihr Interesse hält sich bisher aber sehr in Grenzen, weil es zu frustrierend ist, stundenlang nach Transkripten zu suchen, die am Ende meist nicht vorhanden sind. Es lohnt sich also 19 Prozent der Bevölkerung zu beachten und so als Follower:innen zu gewinnen.

Rolle von Podcasts bei der Inklusion

Podcasts nehmen insbesondere seit der Covid19-Pandemie immer mehr den Status eines Leitmediums im deutschen Sprachraum ein. Besonders etablierte sich zum Beispiel der Podcast „Coronavirus-Update“. Seit Protesten von hörbehinderten Menschen gibt es ein regelmäßiges Transkript. Hörbehinderte Menschen, welche durchaus auch in eine Risikogruppe fallen können, werden nun berücksichtigt. So ist es möglich, dass sich Menschen mit Hörbehinderung über die wissenschaftlichen Erkenntnisse zur Pandemielage selbst ein Bild machen und vor dem Virus schützen können. In meinen Interviews stellte sich heraus, dass die meisten Menschen mit Hörbehinderung vor allem Interesse an Themen rund um Politik, Forschung und Wissen haben. Unterhaltungs-Themen sind eher unwichtig.

»Einige Professor:innen erzählen in Vorlesungen, dass sie in Podcasts über ihre Forschung sprechen. Das frustriert mich, weil mich das zwangsläufig ausschließt.«
Gehörlose Studentin

Warum alle Transkripte nutzen sollten

Im deutschsprachigen Raum gibt es noch sehr wenige Transkripte zu Podcasts. Im englischsprachigen Raum ist das anders. Transkripte bieten Pocaster:innen nur Vorteile, da erst das Transkript den Inhalt des Podcasts auf Suchmaschinen sichtbar macht. Durch den Text sind SEO-relevanter Keywords und Links für Crawler leichter auffindbar. Texte lassen sich auch besser in Social-Media-Kanälen oder in einem Blog teilen. Das steigert die Reichweite enorm. Auch im wissenschaftlichen Kontext lassen sich Transkripte besser verwenden, um einen Podcast beispielsweise als Quelle zu zitieren. Genaue Auswertungen sowohl von Privatpersonen, die Podcasts hosten sowie großen Streaminganbietern stehen allerdings noch aus.

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