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12.05.2021

Ein offener Markt für Sender: Faktenchecks in Serien

Bei fremdproduzierten Serien können Sender mit AddOns ihr Markenimage ausbauen und die Fans noch mehr an sich binden. Sabrina Unterstell hat im R&D Fellowship solch ein AddOn, nämlich einen Faktencheck innerhalb einer Serie, kreiert. So profitieren Sender, Fans und marginalisierte Gruppen. Wie funktioniert diese Win-Win-Win-Situation genau?

Text: Sabrina Harper
Foto: Media Lab Bayern

 

Faszination Serie

Serien locken tausende Leute vor die Screens, sei es im linearen Fernsehen oder auf Streamingplattformen. Interessanterweise gilt das nicht nur für die neuesten Formate, sondern auch für ältere Serien. Anders ist nicht zu erklären, warum sich Streaminganbieter ins Zeug legen, Formate wie beispielsweise „Friends“ im Programm anzubieten. Die Kultserie wurde von 1994 bis 2004 produziert und hat eine große Fanbase. Noch heute streitet man sich über die Ausstrahlung: 2019 war Friends auf Netflix abrufbar, für 2020 sicherte sich Amazon Prime die Rechte und seit Anfang 2021 ist die Friends-Gang wieder auf Netflix zu Hause. Die Serie ist nach 17 Jahren immer noch ein Quotenbringer.

Serien als Wissensbrücke

Serien haben also einen besonderen Stellenwert bei Zuschauern und Zuschauerinnen. Die Medienwissenschaftlerin Maya Götz sagte im Interview auf Detektor FM, dass sogenannte „parasoziale Beziehungen“ entstehen. Die Serienfiguren sind so gestrickt, dass der Zuschauende sich damit identifizieren kann und daraus wächst eine hohe emotionale Bindung. Die Darsteller:innen werden, sozusagen, wie Freunde für die Zuschauenden. Auf diesen Effekt baut auch R&D Fellow Sabrina Unterstell bei ihrer Idee für mehr inklusive Kommunikation. Ihr fiel auf, dass Serien aufgrund der hohen emotionalen Bindung bei Fans eine hohe Bereitschaft zum Fact-Checking abrufen: „Du siehst eine Serie und willst wissen, was davon wirklich wahr ist“, sagt die Journalistin.

»Fans sind auf der Suche nach der Wahrheit«
(Sabrina Unterstell)

Das Recherchieren nach echten Begebenheiten wird meist getriggert, wenn die Geschichte einen wahren Hintergrund nahelegt, zum Beispiel durch den Verweis „based on a true story“. In nutzerzentrierten Interviews identifizierte Sabrina Unterstell weitere Triggerpunkte. So sind Erkrankung einer Protagonistin oder eines Protagonisten oder bedeutende historische Ereignisse ebenfalls Auslöser, bei denen Zuschauende auf Faktensuche gehen. Auch überraschende Situationen verleiten dazu, im Internet nach Informationen Ausschau zu halten. Doch es gibt einige Hürden: „Im Web gibt es so viele Informationen, aber eben auch Fake News. Das stört Nutzer:innen. Es ist deshalb naheliegend, einen verlässlichen Faktencheck gleich in die Serie zu integrieren“, erklärt Sabrina Unterstell.

Fakten und Serie gleichzeitig erleben

Einige Sender haben schon erste Versuche unternommen, ein erfolgreiches Format und die Fakten dahinter zu verknüpfen. Zum Beispiel, wenn nach einem Spielfilm ein Panel zur gleichen Thematik ausgestrahlt wird oder nach einer Serie ein Special über einen Darsteller oder Darstellerin läuft. Sabrina Unterstells Idee geht weiter. Anhand der Serie „The Good Doctor“ entwickelte sie im R&D Fellowship den ersten Prototyp. Die Serie handelt von einem jungen Autisten, der als Chirurg in einem Krankenhaus arbeitet. Während die Serie läuft, verweisen Expert:innen und Betroffene auf wahre Begebenheiten oder erklären typische Verhaltensmuster. Der Hauptdarsteller hat beispielsweise das sogenannte Savant-Syndrom. Hier treffen Fans bereits auf den ersten Triggerpunkt. Sie fragen sich: Gibt es dieses Syndrom wirklich? Was bedeutet das genau? Es wird dann erklärt, dass es dieses Syndrom wirklich gibt, weltweit aber nur etwa 100 Savants bekannt sind, und es nicht mit Autismus gleichgesetzt werden darf. Der Hauptdarsteller vermeidet zum Beispiel auch immer wieder den direkten Blickkontakt zum Gegenüber. Der oder die Expert:in wird dann eingeblendet und erklärt, womit dieses Verhalten zusammenhängt.

Sabrina Unterstell

Sabrina Unterstell, M.A., ist seit 2014 als Videojournalistin tätig, davon 5 Jahre als Geschäftsführerin der Produktionsfirma Video München GmbH und aktuell in der Gründungsphase eines neuen Medien-Startups. Als Lehrbeauftragte an der Hochschule Darmstadt unterrichtet sie mit dem Schwerpunkt „Diversity and Interculturalism“ im Fachbereich Medien.

Win-Win-Win-Situation für Fans, Sender und marginalisierte Gruppen

Sabrina Unterstell sieht in solch einem Format mehr als ein besonderes Feature für Fans: „Da steckt auch ein enormes Potenzial für Sender drin. Sie schaffen so einen Zusatzcontent, der auf Interesse stößt und ggf. sogar monetarisiert werden kann. Zum Beispiel als erweitertes Angebot auf der Webseite, dem eigenen Streamingportal oder der Unternehmens-App. Gleichzeitig kann sich der Sender auch durch qualitative Inhalte vom Wettbewerb abheben. Fans sind eine Konsumentengruppe, die man auf dem Schirm haben und halten sollte“.

Neben Fans und Sendern profitieren zudem Vereine, Institutionen und marginalisierte Gruppen. Im Falle von „The Good Doctor“ wird so auf unterhaltsame Art und Weise eine echte Awareness für Menschen mit Autismus geschaffen. Das Format ist aber auch für andere Thematiken denkbar: „Am Anfang der Idee habe ich mich gefragt, wie müsste man Inhalte verpacken, damit gesellschaftliche Diskurse nicht immer so verkrampft sind? Sie sollten zugänglicher vermittelt werden und trotzdem eine Sensibilisierung für Themen wie Diskriminierung, Geschlechtergerechtigkeit oder andere Lebenswelten beinhalten. Die hochwertig produzierten Serien für jegliche Themen sind da. Man muss lediglich das Interesse der Zuschauer:innen nutzen und die Attraktivität der Serie aufgreifen. So ein Faktencheck passt gut in die lockere Atmosphäre einer Serie hinein“.

Kooperation mit Fernsehsendern

Fernsehsender und Streaminganbieter ziehen durch die Ausstrahlung von Serien die Zielgruppe der Formatidee an. Aktuell plant Sabrina Unterstell, ihre Wissensformate für YouTube zu produzieren. Allerdings aufgrund der Lizenzrechte ohne Serienausschnitte. „Wünschenswert wäre es jetzt mit den Macher:innen von Serien in Kontakt zu kommen. Durch die Sendeanstalten und die damit verbundenen Sendungsrechte kann das Format richtig rund werden“.

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