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"Ein verrücktes Ergebnis dieser Pandemie könnte sein, dass Medienhäuser besser werden"

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19. März 2020

"Ein verrücktes Ergebnis dieser Pandemie könnte sein, dass Medienhäuser besser werden"

Die Futuristin Amy Webb erklärt, wie die Medienindustrie gestärkt aus der aktuellen Pandemie hervorgehen könnte, warum es nichts kostet, seine Denkweise zu ändern, und warum es in unsicheren Zeiten besonders wichtig ist, über Innovationen und Trends nachzudenken.

 

Der Tech Trend Report des Future Today Institute ist eine jährliche Pflichtlektüre für Menschen, die sich mit Trends und Innovationen beschäftigen. In diesem Jahr musste der Launch des Reports auf der SXSW, zusammen mit dem Rest der Konferenz, wegen der Corona-Pandemie abgesagt werden. Amy Webb, die Gründerin des FTI und eine der weltweit führenden Futuristinnen, ließ sich nicht abschrecken: Ihr Team wechselte schnell zu (noch mehr) Fernarbeit, der Bericht wurde virtuell lanciert, und auch die Industry Briefings und AMAs gibt es dieses Jahr online.

Für das Media Lab Bayern nahm sich Amy die Zeit, um über ihren Trendbericht, die Auswirkungen von Corona auf die Nachrichten- und Medienbranche und Medieninnovation im Allgemeinen zu sprechen. Außerdem verbreitet sie ein wenig dringend nötigen Optimismus und erklärt, welche positiven Effekte die Situation trotz allem auf die Medienbranche haben könnte.

 

CS: Hi Amy! Ich fürchte, wir werden nicht umhin kommen, ein bisschen über Corona zu reden, also können wir genauso gut damit anfangen. Wir sehen gerade in der deutschen Medienlandschaft viele Beispiele für Improvisation, und wir sehen viele zeitlich begrenzte Nachrichtenprodukte und schnelle Experimente, die durch die Krise ausgelöst wurden. Und ich frage mich, ob das tatsächlich ein sehr positives Zeichen für die Medienbranche ist, denn in vielen Diskussionen der letzten Jahre erschienen viele etablierte Medienunternehmen recht unbeweglich und langsam in der Veränderung.

Ich würde sagen, dass die Medienindustrie als Ganzes sich ziemlich langsam bewegt hat, und zwar in einer Reihe von Dingen, auch in Bezug auf neue Geschäftsmodelle. Ich denke, manchmal zwingen diese Art "katastrophaler Schocks" die Menschen dazu, mit schnellen Prototypen zu starten. Das ist auch eine Art, darüber nachzudenken, oder? Jede Nachrichtenredaktion befindet sich derzeit in einer Art Rapid-Prototyping-Prozess. Niemand war bisher in dieser Situation. Also wird es diese Organisationen zwingen, zu experimentieren, ob sie es wollen oder nicht. Kluge Nachrichtenorganisationen würden jetzt sagen: OK, wir können nicht wie üblich vorgehen. Wir werden dies als eine Zeit des schnellen Prototypings und des Experimentierens betrachten und wir werden dabei lernen. Wir werden wöchentliche Meetings darüber abhalten, was wir in dieser Woche zu tun haben, was wir noch nie zuvor tun mussten. Was hat funktioniert? Was hat nicht funktioniert? Was können wir in Zukunft verbessern? Das ist eine einfache Sache, die jede Nachrichtenorganisation im Moment tun könnte. Ich meine, ein verrücktes positives Ergebnis dieser globalen Pandemie könnte eigentlich sein, dass die Nachrichtenorganisationen verbessert werden. Das wäre verrückt, oder? Aber es ist plausibel.

Ich frage dich als eine der führenden Futuristinnen der Welt: Warum kann das in der aktuellen Situation überhaupt funktionieren, an die Zukunft zu denken? Ich meine, wir wissen nicht einmal, was die nächsten Tage bringen werden.

OK, also hier ist der Deal. Einfach vom Standpunkt des gesunden Menschenverstandes aus betrachtet, passiert die Zukunft ständig. Die Zukunft ist gleichzeitig: Fünf Sekunden. Fünf Minuten, fünf Stunden. Fünf Tage. Fünf Jahre. Fünfhundert Jahre in der Zukunft. Und das zeigt uns, dass jeder Augenblick, jede Entscheidung, die wir treffen, Auswirkungen auf die Zukunft hat. Es gibt eine Kettenreaktion. Und das ist besonders wichtig in Zeiten großer Unsicherheit und Krise. Denn was passiert, ist: Unser limbisches System übernimmt die Kontrolle. Und das geschieht auch auf der Ebene der Unternehmen, der Organisationen. Wenn die Angst die Oberhand gewinnt, hören wir auf, über die Zukunft nachzudenken. Und dann fangen wir an, schlechte Entscheidungen zu treffen. Ich weiß, es fühlt sich an, als ob es keinen Sinn hätte, irgendeine Art von Planung zu machen, und es keinen Sinn hätte, auf Trends zu achten oder Szenarien zu modellieren oder irgendetwas anderes, weil es so viel Unsicherheit gibt. Und ich würde argumentieren, dass gerade jetzt, sogar noch mehr als sonst, der richtige Zeitpunkt für die Planung ist.

 

Das klingt ja erstmal ein bisschen kontraintuitiv. Kannst du das genauer erklären?

Ich gebe dir mal ein Beispiel. Wir sehen Länder auf der ganzen Welt, die damit beginnen, die Datenschutzbestimmungen zu lockern, um die Verbreitung des Virus zu verfolgen. Nun wäre es einerseits gut, wenn wir versuchen könnten, im Voraus zu erkennen, welche Gegenden als nächstes viele Fälle bekommen werden, denn das würde den Krankenhäusern bei der Vorbereitung helfen. Andererseits, was bedeutet das auf lange Sicht? Wenn wir Technologieunternehmen und Regierungen den vollständigen Zugang zu all unseren Daten gewähren, wie könnte das sonst noch genutzt werden?

Zumal es immer schwierig ist, solche Maßnahmen nach einer Krise zurückzunehmen.

Das stimmt. Aus diesem Grund ist es wichtig, aufmerksam zu sein. Es ist auch super wichtig, dass die Leute anfangen, über das große Ganze nachzudenken. Wo gibt es einen Wendepunkt bei den Investitionen und der Forschung und Entwicklung? Das wird in einem Jahr von Bedeutung sein. Zum Beispiel sehe ich gerade einen enormen Zustrom von Investitionen in Künstliche Intelligenz und in Bio-Schnittstellen, Biotechnologie. Und in den Medien sehen wir eben, dass die Today Show eine Moderatorin hatte, die aus ihrem Keller berichtete. Und dass der Wetterfrosch in seiner Küche und der Hauptmoderator im Studio war. War die Tonqualität besser? Nein. Haben sie eine Sendung auf eine völlig andere Art und Weise zusammengestellt, als sie es jemals zuvor gemacht haben? Ja! Normalerweise stellen wir uns nicht gerne unseren tiefsten Überzeugungen, wir neigen dazu, Dinge immer wieder genau gleich zu machen, mit winzig kleinen, schrittweisen Änderungen. Aber diese Krise wird die Menschen dazu zwingen, den Status Quo radikal in Frage zu stellen. Manche Dinge könnten schlechter werden. Andere Dinge könnten verdammt viel besser werden.

Der andere Grund, jetzt über die Zukunft nachzudenken, ist also, dass wir alle gezwungen sind, uns mit unseren tiefsten Überzeugungen auseinanderzusetzen. Und das ist es, was ein Futurist tut. Meine Aufgabe ist es nicht, Vorhersagen zu treffen. Meine Aufgabe ist es, die Unsicherheit zu reduzieren. Und ein Teil dieses Prozesses bedeutet, an ungewöhnlichen Orten nach Signalen zu suchen und sich mit liebgewonnenen Überzeugungen auseinanderzusetzen.

Die wöchentlichen Meetings, die du erwähnt hast, sind natürlich etwas, das mit sehr geringen finanziellen Mitteln durchgeführt werden kann. Selbst für die erfolgreichsten Medienunternehmen ist das Geld sehr knapp, und sie haben das Gefühl, dass sie sich Innovationen nicht leisten können. Welchen anderen Rat würdest du Unternehmen geben, die zwar wenig Geld haben, sich aber dennoch auf die Zukunft vorbereiten wollen?

Bis zu einem gewissen Grad ist die Vorbereitung auf die Zukunft in Wahrheit ein Mindset. Und es kostet nichts, sein Mindset zu ändern! Zum Beispiel ist unsere gesamte Forschung beim FTI kostenlos und alles ist öffentlich verfügbar. Alle unsere Frameworks sind ebenfalls gratis und Open Source. Ich habe vor Jahren damit begonnen, weil ich es leid war, von Medienorganisationen zu hören: "Wir haben nicht die Ressourcen!". Ich habe deshalb gesagt: "Weißt du was? Ihr habt Recht. Ich werde alles kostenlos zur Verfügung stellen. Und jetzt habt ihr keine Ausrede mehr." Bei der Planung für die Zukunft geht es nur darum, sich etwas Zeit zu nehmen, um mehr darüber zu lernen, wie man das angeht. Und dann muss man es tun. Und das kann etwas so Einfaches sein, wie sich mit Forschungsergebnissen zu beschäftigen und das in die Planung mit einzubeziehen. Aber man muss bereit sein, sich mit der Ungewissheit auseinanderzusetzen. Es geht also darum, dass man bereit ist, sehr offen zu bleiben und Dinge auszuprobieren, die wirklich anders und neu sind.

Was ist deiner Meinung nach gerade die größte Herausforderung für Medienunternehmen?

Ich denke, eines der größten Probleme hat mit den Geschäftsmodellen zu tun. Die Medienunternehmen müssten die Gelegenheit nutzen, ihre Gewinn- und Erlösmodelle radikal neu zu erfinden. Und es sollte nicht nur darum gehen, ein neues Newsformat auf den Markt zu bringen und die Leute dazu zu bringen, dafür zu bezahlen. Ich denke, sie müssen radikal neu erfinden, was es bedeutet, Nachrichten zu produzieren und damit Wert zu schaffen. Möglicherweise könnte es darum gehen, Daten auf unterschiedliche Weise zu nutzen und zu verwenden. Vielleicht gibt es einen Weg, Nachrichten maschinenlesbar zu machen, und  das als Produkt zu verkaufen. Wir müssen anfangen, über radikal andere Modelle nachzudenken.

Darüber hinaus denke ich, dass wir in Zukunft verschiedene Formfaktoren in Betracht ziehen müssen. Unser Bericht hat einen großen Abschnitt über Smart Glasses und verschiedene andere Wearables. Die werden immer wichtiger werden. Aber Journalisten sollten nicht einfach nur ihre Inhalte irgendwie auf ein tragbares Gerät packen. Sie müssen über eine grundlegend andere Art und Weise nachdenken, wie sie an die Sammlung und Verbreitung von Nachrichten herangehen können, wenn sie eine grundlegend andere Art der Verbreitung verwenden.

Obwohl die Pandemie die Nachrichtenorganisationen zu mehr Rapid Prototyping zwingen könnte, ist es natürlich immer noch eine schreckliche Krise. Wie groß kann die Chance darin sein?

Ich denke, wir haben hier die Gelegenheit, das gesamte Spektrum der menschlichen Vorstellungskraft und die Kraft des menschlichen Einfallsreichtums zu nutzen, um das Virus zu bekämpfen. Im Moment konzentrieren wir uns auf Impfstoffe, was wir auch tun sollten. Könnten wir uns nicht aber auch auf die Entwicklung einer besseren Maske konzentrieren? Gibt es hier nicht eine Designlösung? Ich meine, gibt es nicht alle möglichen anderen Möglichkeiten für uns, um innovativ zu sein, um in der gegenwärtigen Situation, in der wir uns befinden, zu helfen? Ich glaube, die Antwort lautet: Ja. Ich denke nur, dass die Leute vergessen haben, dass das eine Option ist.

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Text: Christian Simon

Christian Simon

Christian Simon hat nach dem Studium der Politik- und Medienwissenschaften und des Journalismus zunächst als Nachrichtenredakteur für die Süddeutsche Zeitung gearbeitet. Inzwischen ist er hauptberuflicher Innovation Editor beim Media Lab Bayern und unterstützt Startups, Medienhäuser und Medienpioniere bei der Innovation.

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